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Aus der neuen Swiss-Lounge mit der A330 nach Montréal

ZÜRICH - Für Swiss war es ein aufregendes Jahr, mit zwei für die Schweizer-Lufthansa-Tochter wichtigen Neuzugängen zur Flotte: Im Januar kam die erste Boeing 777 (von heute sechs), im Juli als Weltpremiere die erste Bombardier C Series (von heute vier).

Gleichzeitig eröffnete Swiss im Satellitenterminal E am Flughafen Zürich-Kloten eine neue Lounge, die für die Lufthansa-Gruppe Maßstäbe setzen will.

Flugreport Swiss
Airline
Swiss
Flugzeugtyp
Airbus A330-300
Kennzeichen
HB-JHG
Kabine
Business Class
Datum
26. November 2016
Route
Zürich - Montréal
Flug
LX86
PaxEx.de hat im Februar den ersten Flug mit der Boeing 777 nach New York beschrieben, doch das war ein Erstflug eines neuen Flugzeugtyps mit entsprechenden besonderen Begleiterscheinungen. Ein gewöhnlicher Linienflug mit einem schon eingeführten Typ ein halbes Jahr später sagt vermutlich mehr aus über den wahren Qualitätsstandard bei Swiss.

An einem grauen Samstag Ende November bin ich unterwegs von Hamburg via Zürich nach Montréal, wohin Swiss eine der zügigsten Verbindungen bietet. Das Umsteigen in Kloten läuft reibungslos und zügig.

Swiss Airbus A330-300
Swiss Airbus A330-300, © Andreas Spaeth

Vermutlich wegen der Jahreszeit gibt es heute keine Warteschlagen bei der Passkontrolle und kein heftiges Gedränge in dem unterirdischen People Mover, der vom Hauptterminal durch einen Tunnel zum Satelliten fährt. Das kann man hier im Sommer zur morgendlichen Stoßzeit sonst meistens erleben.

Ich bin gespannt auf die neue Swiss-Lounge, die ich nur einmal vor Eröffnung gesehen hatte. Wer schweres Handgepäck hat sollte den Fahrstuhl nehmen, die Treppen bringen einen sonst ins Schwitzen. Oben angekommen wird schnell deutlich wie großzügig die Lounge gestaltet ist.

Es fällt mir schwer mich zu entscheiden, wo ich mich niederlassen soll: An einem langen Tresen mit Hockern und Blick auf die aktive Startbahn, an einem der Esstische nebenan, in einem separaten Raum dahinter mit bequemen Sesseln - oder sogar auf einer der ergonomisch geformten Liegen in einem der Ruheräume? Zur Auswahl stehen auch noch Arbeitskabinen, in denen man ungestört telefonieren und am Laptop sitzen kann.

Keine Wahl ist heute leider die großartige Außenterrasse. Es ist nicht kalt, es ist nicht windig oder feucht, aber leider steht "Heute geschlossen" an der Tür. Warum, frage ich mich. Aber gute Ausblicke genießt man hier von fast überall, sogar vor den Waschbecken der Toiletten.

Swiss ZRH Business Class Lounge
Swiss ZRH Business Class Lounge, © Andreas Spaeth

Eine der Attraktionen der Lounge ist das sogenannte "Open Front Cooking", eine offene Küche, in der frische Speisen zubereitet und an einem Tresen ausgegeben werden. Aufregend ist das Menü nicht, es gibt Huhn mit Risotto oder Spaghetti. Ich habe noch keinen Hunger am späten Vormittag, aber es sieht eher aus wie Kantinenkost, teilweise auch aus Warmhaltebehältern serviert.

Es gibt aber auch weiterhin am Buffet verschiedene andere kalte Speisen, von Butterbrezeln bis Obstsalat oder Desserts. Alles hübsch angerichtet. Erstaunlich allerdings, dass diese Showcase für "Swissness" so gut wie keinen Schweizer Wein bereithält.

Ich muss länger suchen bis ich einen Weißen im Kühlschrank entdecke. Noch merkwürdiger, und das ist wirklich ein Fauxpas in diesem Ambiente, ist der seltsame Schaumwein, den Swiss in ihrer Business-Lounge kredenzt. "Chamderville Sec" heißt er, und die Aufschrift "Aromatisiertes Getränk auf Weinbasis" verheißt nichts Gutes.

Eine kurze Recherche zeigt, dass er für 4,49 Euro pro Flasche erhältlich ist. Ein Weinportal beschreibt ihn als "wässriges Nichts". Ich erspare mir den Test. Niemand besteht auf Champagner in der Business-Lounge, aber warum Swiss nicht einfach einen ordentlichen Crémant oder Sekt kredenzt, verstehe ich nicht.

Auf dem Weg zu meinem Gate herrscht Chaos, ein United-Flug nach Washington wurde kurzfristig wegen eines technischen Problems gestrichen. Da weiß man es umso mehr zu schätzen, wenn der eigene Flug mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks abläuft. Das Boarding klappt reibunglos, obwohl der Flug voll ist.

Swiss Airbus A330-300 Business Class
Swiss Airbus A330-300 Business Class, © Andreas Spaeth

Ich hatte Glück und konnte mir einige Wochen zuvor online einen der begehrten "Thron"-Sitze in der Swiss-Business Class sichern. Davon gibt es gerade mal fünf unter den 45 Business-Sitzen in der A330, der A-Platz in jeder zweiten Reihe ist so ein Thron, der allein zwischen zwei breiten Armlehnen/Ablagen steht.

Mehr individuellen Freiraum und Privatsphäre bietet nur die First Class. Ich sitze auf 6A, in der ersten Reihe der hinteren, größeren Business-Kabine. Die Reihen in diesen 2009 eingeführten Kabinen sind abwechselnd 1-2-1 und 2-2-1 konfiguriert. Auch die neuen Swiss-777, deren Rumpf zehn Zentimeter breiter ist, sind weiterhin ähnlich gestaltet, nur eben mit Verfeinerungen dank der neuesten Generation der entsprechenden Thompson-Sitze.

Um es kurz zu machen: Auch das ältere Produkt in der A330, und speziell die Thron-Sitze, gehören weiterhin zum Besten im Lufthansa-Konzern. Zwei Dinge fallen allerdings ab, durch die stetige Weiterentwicklung der Kabinen: Der Bildschirm wirkt für heutige Maßstäbe sehr klein, reicht bei weitem nicht an die großzügigen 16 Zoll heran, die 777-Passagiere in Business genießen.

Und das fehlende WLAN an Bord ist ein Malus. Swiss hat gerade die erste A330 mit Internet-Zugang ausgestattet, erst ab Frühjahr folgen die weiteren 13 A330 der Flotte.

Swiss Airbus A330-300 Business Class
Swiss Airbus A330-300 Business Class, © Andreas Spaeth

An meinem Platz wartet eine Art Strumpf aus Sackleinen mit roter Kante, sogenannte "Christmas stockings". Das ist das Amenity Kit von Swiss zur Weihnachtszeit. Sieht lustig aus, allerdings fusselt das Sackleinen erheblich und der Inhalt ist bescheiden. Nicht einmal Haut- oder Feuchtigkeitscreme, dafür ein auf Reisen relativ nutzloses Backrezept für Weihnachtskekse.

Kurz bevor die Türen geschlossen werden treffe ich den Kapitän im Gang und frage ihn nach der geplanten Flugzeit. Er bestätigt, dass heute, wie schon in den letzten Tagen, ein extrem kurzer Flug erwartet wird - sieben Stunden und 20 Minuten. Das heißt wir sind wohl rund eine Stunde vor der geplanten Ankunftszeit am Ziel, ich kann gerade noch meinen Abholer verständigen.

Swiss Airbus A330-300 Business Class
Swiss Airbus A330-300 Business Class, © Andreas Spaeth

Und tatsächlich klappt dann alles wie am Schnürchen: Die Crew serviert vor dem Start schon Champagner, nicht wie anderswo nur irgendwelchen Schaumwein - als wenn sie die Scharte aus der Lounge auswetzen wolle. Absolut pünktlich um 12.45 Uhr wird das Flugzeug vom Gate geschoben, wenige Minuten später der Start.

Kurz darauf schon der erste Getränke-Service, die Crew ist freundlich und charmant, der Purser nimmt sich für jeden Gast einige Minuten Zeit als er die Runde durch die Business-Kabine macht. Kleine Anregung: Das kleine Schälchen mit Nüssen aufzuwärmen, statt kalt zu servieren, würde das Erlebnis optimieren. Schon 56 Minuten nach dem Start steht die Vorspeise auf dem Tischchen, angenehm zügig, ohne zu hetzen.

Swiss Airbus A330-300 Business Class
Swiss Airbus A330-300 Business Class, © Andreas Spaeth

Die Menüauswahl für die Hauptgerichte ist üppig: Rinderfilet mit Gerstenrisotto, Huhn mit Trüffelpolenta, Zander und Zucchini mit Safransauce und Wildreis. Ich entscheide mich für den Fisch und vorher für die "Timbale aus luftgetrocknetem Rehfleisch und Pilzen, Chioggigaranden-Carpaccio, eingelegte Baumnüsse".

Klingt sehr exotisch, und woraus dieses Carpaccio bestand musste ich später erst mal googlen - eine Art Rote Beete. Fakt ist dass dieses vermutlich die beste Vorspeise ist (von seltenerweise Kaviar mal abgesehen), die ich je in meinem Vielfliegerdasein in einem Flugzeug bekam. Wunderschön anzusehen, unglaublich geschmacksintensiv, großartig!

Taste of Switzerland, wie die von regionalen Restaurant-Chefs in der Schweiz kreierten Gerichte heißen, macht seinem Namen alle Ehre. Da muss ich glatt noch die andere Vorspeise probieren, die auch sehr schön aussieht und sich ebenso anhört: "Saibling mi-cuit mit Apfel-Salsa und Gelee, Gurkentapioka und schwarzer Senf." Schmeckt nicht schlecht, aber lange nicht so intensiv wie die Rehtimbale.

Der Zander mit Champagnersauce ist fein, das in ein Wirsingblatt eingepackte Sauerkraut originell. Dazu trinke ich natürlich den Schweizer Weißwein, leicht und erfrischend. Zum Ritual bei Swiss gehört die schwarze Steinplatte, auf dem der Käse liegt. Das Zwetschgen-Zimt-Mousse ist köstlich, ein Kirschwasser rundet alles trefflich ab, dazu ein paar Pralinen. Mein Urteil: Volle Punktzahl für dieses Menü.

Swiss Airbus A330-300 Business Class (© Andreas Spaeth)
Swiss Airbus A330-300 Business Class (© Andreas Spaeth)
Swiss Airbus A330-300 Business Class (© Andreas Spaeth)
Swiss Airbus A330-300 Business Class (© Andreas Spaeth)
Swiss Airbus A330-300 Business Class (© Andreas Spaeth)
Swiss Airbus A330-300 Business Class (© Andreas Spaeth)
Fotoserie: Swiss Airbus A330-300 Business Class

Jetzt mache ich es mir auf meinem Sitz bequem, den ich zum Bett ausfahre. Auffällig der sehr üppige Fußraum im Liegen, auch nach oben, das genaue Gegenteil der Lufthansa-Business Class. Zwischendurch höre ich ein wenig in einige angebotene Audio-CDs rein, die Auswahl mit weniger als einem Dutzend Alben pro Genre ist nicht besonders üppig. Filme schaue ich keine, dazu lädt der Bildschirm auch nicht wirklich ein.

Ehe ich mich versehe serviert die Crew schon den Snack vor der Landung. Hier sieht man oft, ob sich eine Airline Mühe gibt oder einfach irgendwas hinstellt. Swiss offeriert einen simplen, aber wohlschmeckenden Cous Cous-Salat, und wer mag bekommt ein Stück Hühnerbrust dazu. Als jemand der Huhn nicht schätzt gefällt mir diese Wahlmöglichkeit sehr gut.

Nach nur sieben Stunden und 17 Minuten setzen wir bereits in Montréal auf. Dort empfängt die Ankömmlinge das brandneu gestaltete internationale Terminal. Niemand steht vor mir an der Passkontrolle, die Beamtin ist freundlich, ich bin in einer Minute eingereist, und mein Fahrer steht auch schon da. Warum kann Fliegen nicht immer so einfach sein?

Bewertung

Mit der großartigen Lounge im Satellitenterminal von Zürich-Kloten hat Swiss ein wichtiges Verkaufsargument. Selbst die in der A330 von 2009 stammende Hardware in Business Class, und da vor allem die "Thronsitze", bieten weiter ein sehr gutes Produkt. Wenn jetzt noch WLAN an Bord hinzukommt ist Swiss auch für die absehbare Zukunft gut aufgestellt, innerhalb der Lufthansa-Gruppe und auch im Wettbewerb insgesamt.

Andreas Spaeth


Andreas Spaeth fliegt. Viel. Auf PaxEx.de schreibt Spaeth, einer der führenden Luftfahrtjournalisten in Europa, über seine Erlebnisse als Passagier rund um den Globus.

Auf Twitter ist der Autor als @SpaethFlies unterwegs.
© Andreas Spaeth | Abb.: Andreas Spaeth | 20.12.2016 10:11

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Beitrag vom 23.12.2016 - 12:44 Uhr
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Dieser Beitrag wurde am 23.12.2016 12:44 Uhr bearbeitet.


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