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Condor und ihre Premium-Produkte auf Mittel- und Langstrecke

HAMBURG - Ferienflüge waren lange Zeit eine klassenlose Gesellschaft. Seit den 1990er Jahren versuchten es manche europäische Ferien-Airlines mit Premium-Angeboten ausschließlich auf Langstrecken, die aber fast nie über den Status einer minimal aufgewerteten Economy hinausgingen.

Der Urlauber will es billig, so schien die Erkenntnis. Condor führte 1991 bereits die "Condor Comfort Class" auf ihren damals ersten Boeing 767 ein, die frühere LTU wagte 1998 immerhin die "LTU First Comfort", die sich beide deutlicher von der "Holzklasse" abhoben.

Condor Airbus A321
Condor Airbus A321, © Andreas Spaeth

Gänzlich unbekannt sind auf dem deutschen Markt lange Premium-Angebote auf Mittelstrecken gewesen, LTU versuchte es vor rund zehn Jahren mit der "European Comfort Class", Condor zog mit ihrer Premium Class 2010 nach. Gerade weil Condor auch Ziele bedient, die durchaus für Geschäftsreisende interessant sein können, lohnt sich auch für Nicht-Urlauber ein Blick auf das Langstrecken-Produkt.

Condor Premium Class - Mittelstrecke

Fangen wir mit der Mittelstrecke an.

Condor Flugreport 1
Airline
Condor
Flugzeugtyp
Airbus A321
Kabine
Premium Class
Datum
18. Dezember 2016
Route
Arrecife - Hamburg
Flug
DE1439
Flughafen Arrecife auf Lanzarote Mitte Dezember. Zwischen den Kanaren und Deutschland fliegen viele Airlines, nur Condor bietet ein aufgewertetes Angebot unter dem Namen Premium Class. Der Preis ist beinahe erschreckend niedrig für einen Flug von fast fünf Stunden Dauer: 152 Euro!

OK, die Rückflüge in die Kälte kurz vor Weihnachten sind vermutlich nicht sehr gefragt. Üblicherweise kostet das Ticket mehr, zum Ende der Osterferien ergibt ein Online-Check einen Irrsinnspreis von 709 Euro, für eine Strecke. Die Premium Class kostet einen Aufpreis von meist 100 bis 200 Euro pro Strecke im Vergleich zum günstigsten Angebot.

Condor Premium Class
Condor Premium Class, © Andreas Spaeth

Und dafür gibt es einen separaten Check-in-Schalter, auch in Lanzarote, wo der Online-Check-in nicht funktioniert. An dem Schalter stehen viele Leute, die nicht Premium fliegen. Eine nette TUI-Reiseleiterin, die den Betrieb beobachtet, bittet unaufgefordert andere Passagiere, zu warten, damit ich als Premium-Bucher einchecken kann.

Mein Koffer erreicht nicht die 25 Kilo, die er hätte wiegen dürfen, und auch mein auf zehn Kilo erhöhtes Handgepäck-Limit reize ich nicht aus. Eine Fast Lane, die ich mit der Bordkarte dank "PREMIUM"-Aufdruck hätte nutzen dürfen, gibt es in Arrecife nicht, kein Wunder, wo hier ja auch so gut wie keine Airline eine Premiumklasse anbietet.

Auf diesem Flug sind nur die ersten beiden Sitzreihen der zwei Jahre alten A321 als Premium Class ausgewiesen, also für maximal acht Passagiere, weil jeweils der Mittelsitz frei bleibt. Ich sitze auf 2F, alle anderen Plätze sind auch besetzt - bei dem Minipreis kein Wunder.

Auf dem freien Mittelsitz liegt bereits ein transparentes Plastiktäschchen, das sogenannte "Wohlfühlset", darin Socken, Augenmaske, Ohrstöpsel sowie Ohrhörer der billigsten Sorte. Die Tasche selbst lässt sich später praktisch für den Transport von Flüssigkeiten im Handgepäck verwenden.

Condor Premium Class
Condor Premium Class, © Andreas Spaeth

Ein bisschen fühlt sich Fliegen in der Premium Class an wie in der guten alten Zeit, als es bei allen Ferienfliegern noch etwa so zuging wie jetzt hier. Vor dem Start bietet eine freundliche Flugbegleiterin Zeitschriften an, einige Zeit nach dem Abheben Getränke, alle sind hier unbegrenzt inklusive, auch alkoholische, die sonst jeweils drei bis fünf Euro kosten an Bord.

Dann kommt das Essen, auch inklusive, andere Passagiere können an Bord nur kleinere Snacks kaufen. Eine Auswahl gibt es nicht, es sei denn man bestellt vorab ein Sondermenü, etwa vegetarisch.

"Haute Cuisine über den Wolken" verspricht vollmundig die bedruckte Papp-Abdeckung des Menü-Tabletts, und "ausgewählte frische Zutaten". Daran bekomme ich allerdings Zweifel, als ich das Kleingedruckte auf der Alufolie entziffere, die die erhitzte Porzellanschale abdeckt.

Dort sehe ich erstmals was ich gleich esse - "Beef Goulash Potato Leek Mash" steht da, also Gulasch mit Lauch-Kartoffelpüree. Dahinter allerdings: "Best before 24.01.2019". Aha, ein haltbares Instant-Menü, so frisch können die Zutaten des Meisterkochs also nicht mehr sein. Trotzdem ist das Essen in Ordnung, bietet allerdings nicht den Hauch von "Haute Cuisine", die eh niemand erwartet.

Condor Premium Class
Condor Premium Class, © Andreas Spaeth

Ich hätte nicht zweimal Fleisch haben müssen (auch noch Kassler in der Vorspeise), ansonsten für ein Premium Economy-Menü reichhaltig genug. Die Premium Class bietet zumindest für diesen Preis ein schwer zu schlagendes Preis-Leistungsverhältnis, auch wenn der Sitzabstand von 30 Zoll (76cm) hier genauso knapp ausfällt wie in den hinteren Reihen.

Condor Business Class - Langstrecke


Auf ihren Langstrecken in alle Welt in der Boeing 767-Flotte bietet Condor seit 2014 ein erneuertes Produkt, das seit damals Business Class heißt. Damit setzt sich der Ferienflieger automatisch einem Vergleich mit dem gleichnamigen Abteil von Netzwerkgesellschaften aus, doch der ist trotzdem ein wenig schief.

Condor Flugreport 2
Airline
Condor
Flugzeugtyp
Boeing 767-300ER
Kabine
Business Class
Datum
31. Januar 2017
Route
Frankfurt - Kapstadt
Flug
DE2290
Schauen wir uns die Strecke Frankfurt-Kapstadt an, die Condor im Winter bis zu dreimal wöchentlich bedient. Ende März/Anfang April kosten Flüge bei Condor ab 1.162 Euro in Business Class pro Strecke, extrem günstig, Lufthansa liegt auf der Strecke um 2.800 Euro. Genau dies ist wichtig als Hintergrund, um einen fairen Vergleich anzustellen.

Denn die Unterschiede sind erheblich: So ist das Condor-Ticket nicht flexibel umbuch- oder stornierbar, wenn man nicht für 150 Euro die "Flex Option" bucht. Beim Gepäck sind 30 Kilo frei (Lufthansa 2x32 Kilo) plus 12 Kilo Handgepäck (maximal zwei Stücke), Miles & More-Meilen gibt es bei Condor pauschal nur 2.500 für jede Strecke in Business Class. Also insgesamt eine Art "Business Light", aber eben zu einem attraktiven Preis.

Condor Business Class
Condor Business Class, © Andreas Spaeth

Wer wie ich mit einem Lufthansa-Zubringerflug nach Frankfurt reist kann nicht für Condor online einchecken, aber die Lufthansa Business Lounge in Frankfurt benutzen. Auf dem Flug nach Kapstadt kommt die 23 Jahre alte Boeing 767-300ER D-ABUL zum Einsatz, das Einsteigen erfolgt für Business-Gäste über einen separaten Zugang.

Dieses Flugzeug verfügt über 30 Sitze in Business Class (Condor betreibt auch eine Version mit 18 Sitzen), fünf Reihen in 2-2-2-Konfiguration, ich sitze auf 2G. Klar im Vorteil sind die beiden vordersten Sitzpaare 1AC und 1HK mit wesentlich mehr Fußraum, allerdings ist auf diesem Zwölf-Stunden-Flug 1HK geblockt und mit Vorhängen als Crew Rest hergerichtet.

Der Sitzabstand beträgt hier 59 Zoll (152,5cm), sonst 58 Zoll (149,8cm), Lufthansa bietet 64 Zoll. Entscheidender Minuspunkt bei Condor ist die Neigung der Liegefläche um 10° (Lufthansa: Fullflat) sowie die Kürze der Liegefläche von nur gut 180cm (Lufthansa: 198cm). Condor bietet einen 15-Zoll-Monitor an jedem Platz plus Strom- und USB-Anschluss.

Condor Business Class
Condor Business Class, © Condor

Was Condor generell auszeichnet sind ihre Kabinenbesatzungen, ich meine hier oft wesentlich enthusiastischere Flugbegleiter anzutreffen als bei Liniengesellschaften. Das zeigt sich auch an diesem Abend, Lächeln, echte Begeisterung, das erleben Vielflieger nicht sehr oft. Vor dem Start gibt es bereits ein Glas Champagner (Duval-Leroy Brut Réserve).

Nach dem pünktlichen Abheben habe ich Schwierigkeiten mit meinem Kopfhörer. An meinem hängt ein zweipoliger Stecker, ich finde dafür keine Buchse zum Einstecken. Es bedarf mehrerer Flugbegleiter, um das Rätsel zu lösen, der Stecker muss abgezogen werden, darunter kommt ein einpoliger zum Vorschein, für den gibt es eine Buchse.

Aber es funktioniert trotzdem nicht, erst mit einem neuen Kopfhörer. Das IFE-Angebot ist nicht riesig - 30 Filme und noch wesentlich mehr CDs unter anderem, aber inhaltlich von guter Qualität.

Dies ist ein Nachtflug, doch leider dauert es mit dem Service gefühlt ewig. Erst nach einer Stunde in der Luft werden überhaupt Menüs verteilt und erstmals Getränke (u. a. je zwei Rot- und Weißweine) serviert, absurd spät, jetzt kurz nach 23 Uhr deutscher Zeit. Bis die Vorspeise kommt sind eine Stunde und 42 Minuten nach dem Abheben vergangen, es ist Mitternacht.

Condor Business Class
Condor Business Class, © Andreas Spaeth

Auf dem Tablett zwei Vorspeisen (Perlhuhnbrust mit Rettichsalat und Pesto sowie Heilbutt- und Lachsfilet auf Fenchel-Apfelsalat) plus Salat und Frischkäse-Dip, auch der Käse ist bereits dabei. Der Fisch ist wohlschmeckend, aber wenn man alles essen würde wäre man mehr als satt, vor allem um diese Uhrzeit.

Es stehen drei Hauptgerichte zur Wahl (Rinderroulade mit Spätzle, Lachsfilet/Riesengarnele mit Shiitake-Sojabohnengemüse und Graupenrisotto, Teigtaschen mit Ricottafüllung und gegrillten Pilzen). Ich bereue schon überhaupt etwas bestellt zu haben, weil es so ewig dauert bis es kommt. Ich hatte für den Fisch optiert, schmeckt ganz ordentlich, aber ich probiere nur und gebe dann alles ab, verzichte auf Dessert (Kirschschnitte). Eine gute Entscheidung, denn kurz darauf beginnen starke Turbulenzen und der Service wird unterbrochen.

Ich fahre meinen Sitz auf Bettlänge aus und versuche Ruhe zu finden. Schwierig, denn, ich muss es leider sagen, und ich habe schon mehrere Nächte auf dem Condor-Sitz verbracht, für einen Mann von 1,88 Meter Größe ist dies keine bequeme Schlafstatt. Die Unterlage ist hart, das Fußende besonders, das am Ende unschön abknickt, und das verhindert zumindest bei mir leider konsequent den Schlaf.

Ich habe mir zunächst die verpackte Decke als Polster unten drauf gelegt, was ein wenig Linderung verschafft, aber auch den bei geneigten Sitzen üblichen Rutscheffekt nicht aufhält. Während ich hoffe zu entschlummern, geschützt durch Augenmaske und Ohrstöpsel (beides aus dem hübschen, Federtaschen-artigen Kulturbeutel von Condor), passiert das Unmögliche:

Condor Business Class
Condor Business Class, © Andreas Spaeth

Gegen 2 Uhr morgens deutscher Zeit, als offenbar der Service final beendet werden konnte, dudelt die Crew mit großer Lautstärke auf dem Kabinenlautsprecher einen Werbespot für den Bordverkauf, erst Deutsch, dann Englisch. Hallo?? Vermutlich nicht nur ich empfinde diese krasse Störung als akustische Körperverletzung. Geht gar nicht!

Später setzt sich dann die Ruhestörung auf andere Weise fort - auf meinem und dem Nachbarsitz lassen sich die Bildschirme nicht abschalten, gehen immer wieder an mit unerwünschter Helligkeit. Auch hier bedarf es mehrerer Nachfragen, bis die Crew die Monitore vorn deaktivieren kann.

Nicht überraschend fühle ich mich am Morgen arg zerknittert. Das Frühstück (kalte Platte, Rührei mit Kalbsbratwurst, Birchermüsli) rühre ich kaum an, bis auf das leckere Müsli. Der Getränkeservice ist extrem verlangsamt, die meisten Passagiere haben ihre Teller schon leer gegessen bis die junge Flugbegleiterin bei ihnen Tee oder Kaffee anbietet. Dafür aber mit einem sehr netten (oder entschuldigendem?) Lächeln.

Doch dann zieht plötzlich der warme Duft von Zimt durch die Kabine und weckt meine Lebensgeister. Als das Frühstück überall schon abgeräumt ist (ob das so geplant ist oder nicht ist unklar) bringt ein Flugbegleiter warme Zimtschnecken aus einem Korb, köstlich. Jetzt endlich bin ich bereit für Kapstadt, wo wir pünktlich nach elf Stunden und 25 Minuten im Süd-Sommer landen.

Bewertung

Condor bietet mit ihren Premium-Produkten auf Mittel- und Langstrecken generell guten Gegenwert fürs Geld. Und eine willkommene Möglichkeit für Urlauber, ihre Ferien ein wenig bequemer zu beginnen oder zu beenden. Für Geschäftsreisende taugt das Angebot nur bedingt, kann aber im Einzelfall durchaus eine preislich attraktive Alternative zu Liniengesellschaften sein.

An den dort auf Langstrecken heute in Business Class üblichen Komfort im Liegen reicht Condor bei weitem nicht heran.

Andreas Spaeth


Andreas Spaeth fliegt. Viel. Auf PaxEx.de schreibt Spaeth, einer der führenden Luftfahrtjournalisten in Europa, über seine Erlebnisse als Passagier rund um den Globus.

Auf Twitter ist der Autor als @SpaethFlies unterwegs.
© Andreas Spaeth | Abb.: Condor | 12.02.2017 09:40


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