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In Uniteds neuem Polaris-Sitz von San Francisco nach Frankfurt

SAN FRANCISCO - Kaum eine Produkteinführung hat bei Vielfliegern soviel Interesse und Diskussionen ausgelöst wie Polaris von United Airlines. Wenn die drittgrößte Airline der Welt eine derartige Erneuerung ihres Premium-Produkts ankündigt wie United im Juni 2016 löst das selbstverständlich Erwartungen aus.

Und die werden bisher für die große Mehrheit der United-Premium-Kunden enttäuscht, denn wie sich jetzt herausstellt kam die große Ankündigung rund zwei Jahre zu früh.

United Airlines Boeing 777-300 @SpaethFlies
United Airlines Boeing 777-300, © Andreas Spaeth

Denn auch heute, beinahe anderthalb Jahre danach, fliegen gerade 15 Flugzeuge von 171 Großraumjets der United-Flotte mit den neuen Sitzen an Bord, 14 fabrikneue Boeing 777-300ER und eine umgerüstete 767.

United betont stets, dass Polaris sehr viel mehr sei als nur neue Sitze, und auch das haben zumindest Passagiere, die die Airline nur selten fliegen, meist nicht verstanden.

Seit November 2016 sind alle Business bzw. bisher First Class-Langstreckenflüge als Polaris gebrandet, womit alles von verbesserten Bettdecken bis zum aufgewerteten Catering gemeint ist, vor allem aber die als wegweisend beschriebenen Polaris-Lounges.

Kaum Flugzeuge mit Polaris

Dumm nur, dass es auch davon bis heute gerade eine einzige gibt, nämlich in Chicago, von wo vergleichsweise wenig Langstreckenverkehr ausgeht. Bisher war Polaris beinahe nur auf Transpazifik-Flügen zu erleben, da ein Großteil der Boeing 777-300ER-Flotte von San Francisco aus eingesetzt wird.

Mit dem Flugplanwechsel am letzten Oktober-Wochenende wurde auch die erste Europa-Route Teil des noch kleinen Streckennetzes, auf dem garantiert der neue Sitz zum Einsatz kommt, zwischen San Francisco nach Frankfurt die Flüge UA58/59, im Winter die einzige United-Nonstopverbindung zwischen beiden Städten.

Flugbericht United Airlines
Airline
United Airlines
Flugzeugtyp
Boeing 777-300
Kabine
Polaris Business Class
Datum
31. Oktober 2017
Route
San Francisco-Frankfurt
Flug
UA58

Der Einsatz der neuen Boeing 777-300ER folgt auf die Stilllegung der Boeing 747-400, die hier zuvor noch auf einer der letzten Routen flog, bevor United den Jumbo ausrangiert hat.

Der Flug UA58 verlässt San Francisco um 14.45 Uhr und mittags ist das moderne internationale Terminal angenehm leer. Ich reise nur mit Handgepäck und habe online eingecheckt, trotzdem gehe ich kurz zum fast leeren Premium-Schalter um zu fragen, welche Lounge ich nutzen kann.

United Airlines Boeing 777-300 @SpaethFlies
United Airlines Lounge @SpaethFlies, © Andreas Spaeth

Online wurde ich nämlich darauf hingewiesen, dass die Lounge im internationalen Abflugbereich geschlossen ist wegen Umbau. Hier erfahre ich, dass ich stattdessen die bisherige United First-Lounge ganz nahe meinem Abfluggate nutzen kann.

First Class ist bei United ein Auslaufmodell, auch mein Flug nach Frankfurt bietet nur noch Business, Premium Economy und Economy-Plätze. Nach der zügigen Sicherheitskontrolle begebe ich mich zur angegebenen Lounge. Die hat mit Polaris noch nichts zu tun, angenehm überrascht bin ich trotzdem.

Buffet in der Lounge

Denn Lounge-Erfahrungen in den USA sind für Europäer normalerweise sehr ernüchternd, da man dort für alkoholische Getränke meist extra zahlen muss und das Snack-Angebot minimal ist. Polaris dagegen verspricht in den künftigen Lounges sogar Restaurant-Service mit Bedienung.

Den gibt es hier nicht, aber dafür ein großzügiges Buffet mit breiter Auswahl von heißer Suppe bis hin zu verschiedensten Salaten und Snacks, und vor allem eine hervorragende Selektion an Weinen und Spirituosen zur Selbstbedienung, allein vier Weiße, einen Rosé plus Moet-Champagner auf Eis.

Eine riesige Verbesserung gegenüber allem, was ich als Business-Passagier bisher in den USA an Lounges nutzen durfte. Ich glaube kaum, dass diese Angebotsbreite später in den neuen Polaris-Lounges so beibehalten wird.

25 Minuten vor der Startzeit kann ich direkt Einsteigen ohne Warten oder Gedränge. Draußen herrscht strahlender Sonnenschein, doch beim Einsteigen wirkt es als betrete man einen Nachtclub. Die Kabine ist völlig abgedunkelt und ins blaue Licht der neuen Stimmungsbeleuchtung getaucht.

United Airlines Boeing 777-300 @SpaethFlies
United Airlines Boeing 777-300 Polaris Cabin, © United Airlines

Passt zwar zur Uhrzeit am Zielort, aber wirkt trotzdem seltsam. Ich bin mit meiner Platzwahl sehr glücklich, denn ich sitze auf 17L, rechts am Fenster in der vorletzten Reihe der Business Class-Kabine. Genau dies sind die besten Plätze in der Polaris-Kabine: Am Fenster in Reihen mit ungeraden Nummern.

Dass Fensterplatz hier nämlich gar nicht Fenster bedeuten muss sehe ich in der Reihe vor mir auf 16L: Der Platz am Gang, mit Blickrichtung zum Gang, und verfügt über keinerlei Fenster. Ansonsten bieten die Mittelplätze 1D/G und 9D/G vor den Trennwänden den bei weitem größten Fußraum.

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United Airlines Boeing 777-300, © Andreas Spaeth

Die 60 Polaris-Sitze in der neuen 777 sind in der Konfiguration 1-2-1 angeordnet, ein riesiger Fortschritt gegenüber 2-4-2 in den alten United-777, was unter Vielfliegern als eine der unangenehmsten Varianten gilt.

Neu an der Polaris-Kabine ist auch die abwechselnde Ausrichtung der Fenster-Einzelplätze schräg zum Gang hin oder geradeaus in Flugrichtung. Mein Sitz bietet sehr viel Privatsphäre, ich sehe niemanden sonst in der Kabine.

Links neben dem Sitz gibt es einen Tisch aus Marmorimitat als Ablagefläche, zu dem hin sich ein recht geräumiges Schränkchen öffnen lässt, wo der Kopfhörer hängt und der Kulturbeutel steht.

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United Airlines Boeing 777-300, © Andreas Spaeth

Das ist allerdings auf diesem Flug weder ein Beutel noch die übliche aufklappbare Polaris-Tasche, sondern eine zweiteilige Blechdose, die der jetzt ausrangierten United-Boeing 747 gewidmet ist. Ein sehr schönes Sammlerstück mit 747-Socken, 747-Augenmaske und sogar 747-Sammelbildern.

Auf dem Sitz liegen eine zusammengerollte dünne Daunendecke von Saks Fifth Avenue, einem der Markenzeichen von Polaris, plus eine dünne Wolldecke plus ein Kissen, allerdings findet sich keine Wasserflasche am Sitz.

Zum Fenster hin hat der Sitz eine Konsole, an der sich auch Knöpfe zur Bedienung verschiedener Sitzfunktionen befinden, deren Bedeutung sich nicht sofort erschließt, vor allem aber ein Drehschalter, mit dem sich intuitiv verständlich der Sitz verstellen lässt.

Gleichzeitig bietet der Zwischenraum zwischen Konsole und Kabinenwand ein wenig Platz, um Pullover oder Lesestoff zu lagern. Unterhalb des 16-Zoll-Touchscreen-Bildschirms befindet sich ein flaches Staufach, in dem sich gut ein Laptop oder ein Tablet unterbringen lassen.

Von der Unsitte aller US-Airlines, vor dem Start statt Champagner einen Billig-Schaumwein anzubieten weicht leider auch Polaris nicht ab, daher nehme ich nur Wasser, das aus Plastikbechern gereicht wird.

Kein Musikangebot an Bord

Die Flugbegleiter haben ihre Mühe, alle Passagiere davon zu überzeugen dass sie hier auch die neuen Schultergurte anlegen müssen wie im Auto, der Schultergurt wird am Beckengurt seitlich eingehakt.

Absolut pünktlich verlassen wir das Gate, beim Start kommt mir der ausfaltbare Tisch entgegen, für den es keine Arretierung gibt, ich muss ihn beim Abheben also festhalten. Ich fahre meinen Sitz zurück, lege die Beine hoch und möchte entspannen.

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United Airlines Boeing 777-300 , © Andreas Spaeth

Dazu gehört für mich, mir aus dem Bordprogramm ein Musikalbum auszusuchen. Und jetzt kommt die größte Enttäuschung, die mir eine Airline in langer Zeit bereitet hat: United bietet absolut keinerlei Musikangebot mehr im Bordprogramm!

Die Purserette auf dem letzten 747-Flug auf dem Hinweg sagte mir, dass sei seit etwa zwei Monaten so und damit wolle United die Lizenzgebühren für Musik sparen! Es gibt keinerlei Audioprogramm mehr außer Podcasts und einem klassischen Nordlicht-Entspannungskonzert.

Das konnte ich zuerst gar nicht glauben. Sicher haben viele Leute heute ihre eigene Musik dabei, und offenbar gibt es beim Download einer United App noch Musikangebote. Aber ich erwarte als Passagier von meiner Airline ein Musikangebot an Bord, viele Premium-Airlines bieten Hunderte von Audio-Alben.

Und United nicht ein einziges. Dafür ist die interaktive Flugkarte hervorragend, man kann heranzoomen und den Ausschnitt wählen.

Die Musik-losigkeit wäre besser zu ertragen, wenn wenigstens ein Highlight der United-Unterhaltung verfügbar wäre: Auf Kanal 9 kann man stets den Funkverkehr der Piloten mithören. Wenn denn die Piloten den nicht deaktivieren wie oft, leider auch auf diesem Flug.

Ich werde um Erst- und Zweitwahl für das Bordmenü gebeten, es gibt fünf Gerichte zur Auswahl: Short Rib (Rindfleisch), ein Hühner-Kokosnuss-Curry, Arapaima-Fischfilet mit Soba-Nudeln, Shahi Paneer (Käsestücke in Tomatensauce) sowie Quinoa-Salat mit Hähnchen.

United Airlines Boeing 777-300 @SpaethFlies
United Airlines Boeing 777-300, © Andreas Spaeth

Ich bitte um Fisch, alternativ Fleisch. Fisch ist knapp, aber das Fleisch sei gut, das esse sie später auch, teilt mir die Purserin mit. Leider ist der Serviceablauf, gerade auf einem Nachtflug, sehr langsam. Während in Economy nach 20 Minuten der Getränkewagen kommt, wird mir erstmals eine Stunde nach dem Start ein Getränk angeboten, viel zu spät.

Ich entscheide mich erst für ein Glas Champagner und dann für das berühmte United Wine Tasting, auf einem Ständer gibt es drei Gläser verschiedener Weine zu probieren, ich entscheide mich für drei Rote, allesamt aus den USA und sehr ansprechend.

Erst eine Stunde und 41 Minuten nach Abheben bekomme ich die Vorspeise serviert: Zitronengras-Garnelen mit Papaya-Mango-Salat plus grünem Salat aus Babyspinat mit Erdbeeren, Trauben und Orange. Geschmacklich guter Durchschnitt.

Hervorragender Hauptgang

Normalerweise esse ich fast nie Rind an Bord, weil es im Galley-Ofen meist hart wie eine Schuhsole gerät. Nicht so hier: Die kurz gebratene Rippe ist butterzart, die rote Sauce, missverständlich als Barbecue-Sauce beschrieben, passt hervorragend dazu, kurz gesagt, es schmeckt köstlich.

Zum Nachtisch gibt es den bei amerikanischen Airlines üblichen Eisbecher, Vanille mit Extras, den United derzeit aus Pappbechern serviert, nachdem die dafür angeschafften Glasschüsseln im United-Design oft zerbrochen waren.

Dank der positiven Überraschung beim Hauptgericht bin ich zufrieden, kann aber nicht sagen, dass die Verpflegung jetzt wirklich ein Aha-Erlebnis war, obwohl das aufgewertete Catering ein wesentliches Merkmal von Polaris sein soll.

Kaum ist das Dinner abgeräumt, wird in der Mitte der Business-Kabine auf einem Tresen nahe der Bordküche ein Snack-Buffet aufgebaut, allerdings geht kurz darauf das Licht aus und es steht im Stockdunklen da. Ich bette mich auch zur Ruhe und bin beeindruckt vom Fußraum und der Länge des Bettes. Dass ich als 1,88 Meter-Mann auch mit den Fußspitzen nirgends anstoße, ist selten.

Große Beinfreiheit

Allerdings hätte ich die Erfahrung noch verfeinern können, wenn ich gewusst hätte, dass ich noch eine Matratzenauflage sowie ein kühlendes Gel-Kopfkissen hätte bestellen können, da mir oft zu warm ist im Flugzeug nachts. Hier allerdings erweist sich die Saks-Decke als genau richtig.

Generell gilt jedenfalls, dass man als Polaris-Gast über die Optionen Bescheid wissen muss, da man sie nicht aktiv angeboten bekommt. Nur irgendwo im Kleingedruckten einer mit dem Menü verteilten Broschüre finden sich diese Optionen.

Es gibt sogar Polaris-Pyjamas, allerdings nur auf Flügen über zwölf Stunden Dauer. Ich jedenfalls schlafe auch ohne Schlafanzug, Kühlkissen und Matratzenauflage gut genug, dass ich das Frühstück (Omelette oder Früchte mit Müsli) verstreichen lasse und erst im Landeanflug meinen Sitz wieder hochfahre.

Nach zehn Stunden und 23 Minuten setzten wir überpünktlich im sonnigen Frankfurt auf.

Bewertung

Polaris ist gerade was den neuen Sitz betrifft ein Quantensprung bei United gegenüber den Vorgängerprodukten. Es zeigt, dass die Airline den ernsthaften Versuch macht, sich viel weiter oben in die Rangliste der Qualitäts-Airlines einzureihen als bisher.

Leider wird es immer noch lange dauern bis die vollmundigen und verfrühten Ankündigungen in die Realität umgesetzt sein werden und zumindest die Mehrzahl der Kunden dieses Produkt auch erleben kann. Das Musikprogramm von Bord zu verbannen läuft dem Qualitätsstreben von United absolut zuwider und gehört schnellstmöglich korrigiert.
© Andreas Spaeth | Abb.: United Airlines | 10.11.2017 13:46


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