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Emirates holt auf im Rennen um bestes First-Class-Produkt

DUBAI - 2003 war Emirates die erste Airline, die private Suiten in First Class angeboten hat. Inzwischen haben andere Airlines das Produktniveau  angehoben - die Gesellschaft aus Dubai muss aufholen. Nun stellt Emirates viele Branchenneuheiten in First vor – doch verbessern die wirklich die Produkterfahrung?

Sir Tim Clark, Präsident von Emirates Airlines, ist einer der größten Visionäre der Luftfahrtbranche. Er gehörte 1985 zu den Mitgründern von Emirates. Und ungewöhnlicherweise befasst sich Sir Tim sehr aktiv und bis ins kleinste Detail mit der Produktentwicklung.

Emirates Boeing 777-300ER First Class Suite
Emirates Boeing 777-300ER First Class Suite, © Emirates

Er war es, der Airbus vor über einem Jahrzehnt beweisen musste, dass es tatsächlich möglich ist, Duschen im vorderen Oberdeck der A380 zu installieren - die seither sehr zum Erfolg des Emirates-First-Produkts beigetragen haben.

Jetzt ist es Sir Tim wieder gelungen, der Branche einige echte Neuheiten zu bescheren, was immer schwieriger wird in Zeiten, wo eigentlich alles schon mal dagewesen ist.

Seit den Tagen der A380-Produktentwicklung war es die Vision von Sir Tim, seinen bestzahlenden Kunden ein völlig abgeschlossenes First Class-Abteil zu bieten, angelehnt an ein Hotelzimmer.

Emirates Boeing 777-300ER First Class
Emirates Boeing 777-300ER First Class , © Andreas Spaeth

Aber vor einem Jahrzehnt und bis vor kurzem machten das die Sicherheitsvorschriften der Luftfahrbehörden unmöglich, denn den Kabinenbesatzungen musste es jederzeit möglich sein, die Passagiere im Auge zu behalten.

"Wir haben den Prozess 2013 begonnen, als wir eine A319 als Emirates-Privatjet ausgestattet haben, aber damals war es noch unmöglich, völlig abgeschlossene Suiten anzubieten, sogar in einem Privatjet,“ erinnert sich Sir Tim.

Dann gab es neue Hoffnung als, laut Sir Tim, die Regularien kürzlich geändert wurden. "Die sind jetzt entspannter was abgeschlossene Suiten betrifft, dafür in anderen Bereichen härter geworden.“

Daher war Sir Tim auf der derzeitigen Dubai Air Show in der Lage, die weltweit erste völlig geschlossene First Class-Suite vorzustellen, anfangs nur vorhanden auf neu ausgelieferten Boeing 777-300ER.

Emirates Boeing 777-300ER First Class Suite
Emirates Boeing 777-300ER First Class Suite, © Andreas Spaeth

Niemand sollte jetzt also zu enthusiastisch sein, denn obwohl Emirates derzeit fast 150 Boeing 777 fliegt, die weltgrößte Flotte dieses Typs, "wird es bis Ende 2019 maximal acht bis neun Flugzeuge mit dem neuen Produkt geben,“ räumt Sir Tim ein.

Die Glücklichen, die von Dubai nach Brüssel oder Genf fliegen, werden die Neuheit auf diesen Routen ab 1. Dezember erleben können. "Wenn wir mehr Flugzeuge bekommen, könnten Chicago, Brisbane und Perth weitere Ziele werden die das neue Produkt bekommen, aber um diese Ultralangstrecken zu bedienen brauchen wir 2,5 Flugzeuge pro Route,“ erklärt Sir Tim.

Ob vorhandene 777-300ER nachgerüstet werden ist noch unklar. Eine Umrüstung der vorhandenen A380 ist hingegen längerfristig geplant, dort werden es dann elf neue an Stelle von bisher 14 Suiten sein.

Wie fühlt sich das neue Produkt tatsächlich an und welche Innovationen machen wirklich einen Unterschied? PaxEx hatte die Möglichkeit, das bereits an Bord der ersten Boeing 777-300ER mit der neuen Kabine zu testen, Kennzeichen A6-EQH, die aus Seattle direkt zur Dubai Air Show ausgeliefert worden war.

E-Suiten mit Fensterimitationen

Gleich am Eingang heißt eine hinterleuchtete Darstellung des Ghaf-Baums Passagiere willkommen. Der Nationalbaum der Vereinigten Arabische Emirate ist eine Art Leitmotiv des neuen Produkts und taucht im ganzen Flugzeug auf.

Die First Class besteht aus sechs Suiten, verglichen mit acht zuvor, und sie sind jetzt in 1-1-1-Konfiguration angeordnet, namentlich 1+2A, 1+2E sowie 1+2K.

Am spektakulärsten, beinahe überraschend, sind die E-Suiten in der Mitte, denn die bieten eine echte Neuheit: Drei Fensterimitationen auf der rechten Seite, in denen Projektionen des Blicks nach außen gezeigt werden.

"Es gibt zwei per Glasfaser verbundene Kameras außen an den Plätzen 1A und 1K, und der Passagier in der Mitte kann wählen, welche Seite er als Videoprojektion in den Fenstern seiner Suite sehen will,“ sagt Sir Tim.

Die Passagiere der echten Fensterplätze bekommen zum "Ausgleich“ als Teil der Ausstattung ihrer Suiten jeweils echte Ferngläser der deutschen Marke Steiner, um herauszuspähen.

Emirates Boeing 777-300ER First Class Suite
Emirates Boeing 777-300ER First Class Suite, © Andreas Spaeth

Die Suiten, die 2,13 Meter lang sind und bis zu 3,7 Quadratmeter Fläche umfassen, lassen sich jetzt durch einteilige, bis zu 2,21 Meter hohe und per Hand zu bedienende Schiebetüren vollkommen abschließen.

Eine weitere Branchen-Neuheit ist eine Klappe in der Wand der Suite, ein sehr cleverer Weg, einerseits die Anforderungen der Behörden zu erfüllen und andererseits unaufdringlichen Service zu ermöglichen.

Durch diese Klappe kann die Kabinenbesatzung Speisen und Getränke bringen ohne tatsächlich die Tür öffnen zu müssen und den Passagier zu stören, gleichzeitig können sie so gerade in Notfällen den Passagier im Blick behalten.

Eine weitere Branchen-Innovation allerdings erscheint weitaus weniger zwingend, ist eher ein wenig bizarr. Zumal erfahrene Airline-Ausbilder beklagen, dass ihre jungen Nachwuchs-Flugbegleiter kaum noch Kunden in die Augen schauen können, weil sie im wirklichen Leben nur noch auf die Bildschirme ihrer Gadgets starren.

Emirates Boeing 777-300ER First Class Suite
Emirates Boeing 777-300ER First Class Suite, © Andreas Spaeth

Über den Bildschirm eines Tablets in der Suite, über den sich auch alle Komfortfunktionen steuern lassen, kann der Passagier die Option wählen, einen Video-Anruf in der Bordküche zu machen. Beim Flugbegleiter, nur wenige Meter entfernt, können so Service-Wünsche aller Art vorgebracht werden.

Nur warum das besser sein soll als mit einem Menschen, der vor einem steht, von Angesicht zu Angesicht zu sprechen, ist schwer verständlich. Es gibt auch die Möglichkeit, nur einen Sprachanruf in der Galley zu tätigen.

Die Suite ist beeindruckend durch ihre hohe Decke, einer Vielzahl an Staumöglichkeiten und vieler innovativer Einfälle, die von der Wahlmöglichkeit für die Art der Stimmungsbeleuchtung bis zur individuellen Temperaturkontrolle in der Suite reichen.

Diese Funktion kommt klar aus Oberklasse-Autos, und das ist kein Wunder, denn Mercedes war ein Designpartner bei den Emirates Suites. Während der Sitz aus feinstem Leder aufrecht steht ist es problemlos möglich, in der Suite aufzustehen, sich zu strecken, oder sich umzuziehen in die Feuchtigkeit spendenden Schlafanzüge, die angeboten werden.

Einzelbett mit Schwerelos-Modus

Zur Entspannung bietet Emirates eine Position, die sich "schwerelose Sitzeinstellung, inspiriert von NASA-Technologie“ nennt. Während eines kurzen Tests am Boden schien dies nicht über die Maßen komfortabel, zumindest nicht für einen großgewachsenen Mann.

Die Bettlänge von 1,98 Meter ist unverändert geblieben im Vergleich zum derzeitigen Produkt. Anders als bei Wettbewerbern wie den Suites von Singapore Airlines bietet Emirates nicht die Option für Doppelbetten durch das Absenken von Trennwänden an.

"Außer wenn sie sehr klein sind reicht das Bett nur für einen,“ sagt Sir Tim Clark. "Aber es gibt viel Raum, um mit einem Partner zusammenzusitzen.“ Gefragt, ob es schon Zwischenfälle mit Passagieren gegeben habe, die sich trotzdem in einer Suite zu nahe gekommen seien, stellt er fest: „Generell benehmen sich die Leute.“ Das allerdings war vor Beginn des Zeitalters der völlig abschließbaren Suiten.
© Andreas Spaeth | Abb.: Emirates | 16.11.2017 19:24


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