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Ein Flugzeug, eine Strecke – über dem Atlantik mit Air Greenland

KOPENHAGEN - Jahrzehnte lang war die Verbindung von Dänemark nach Grönland eine Monopol-Route von SAS. Seit 1998 flog die damalige Greenlandair, heute Air Greenland, mit einer Boeing 757 in Konkurrenz zur SAS, obwohl der skandinavischen Airline 37,5 Porzent an Air Greenland gehören.

"Da gab es Überkapazitäten", sagt Michael Højgaard, CEO von Air Greenland. "Dann stieg SAS 2002 aus und wir beschafften unsere A330, und seit 2003 sind wir sehr profitabel." Kein Wunder, fliegt Air Greenland doch nun diese wichtige Lebensader im Monopol.

Air Greenland Airbus A330-200
Air Greenland Airbus A330-200, © Andreas Spaeth

Dafür, dass es sich bei der Strecke von Kopenhagen nach Grönland um einen Flug von etwa 4 Stunden und 20 Minuten handelt, sind die Flugpreise enorm, obwohl Air Greenland die Tarife in Economy Class um rund 15 Prozent gesenkt hat in den vergangenen Jahren. Und man natürlich zugestehen muss, dass in schwieriger Umgebung wie Grönland, wo beinahe alles eingeführt werden muss, das Leben sowieso teuer ist.

Die allergünstigsten Economy-Tarife beginnen bei rund 600 Euro für Hin- und Rückflug von Kopenhagen, doch dann ist man erst in Kangerlussuaq. Das frühere Söndre Strömfjord, gelegen am Ende des gleichnamigen, 180 Kilometer langen Fjords an der Westküste, ist der einzige Verkehrsflughafen Grönlands mit ausreichend langer Piste für Großraumflugzeuge.

Hinterlassenschaft einer US Air Base, die hier im zweiten Weltkrieg aus dem Permafrostboden am Rande des Inlandeises gestampft wurde. "Niemand will nach Kangerlussuaq", weiß Michael Højgaard, etwa die Hälfte aller Passagiere fliegt vom Knotenpunkt hier weiter in die Hauptstadt Nuuk, ein Viertel in den wichtigsten Touristenort Ilulissat mit den großen Eisbergen. Kangerlussuaq ist nur der Flughafen, ein paar Geschäfte und Unterkünfte, sonst nichts.

Air Greenland Airbus A330-200
Air Greenland Airbus A330-200, © Andreas Spaeth

Der Roundtrip von Kopenhagen nach Nuuk und zurück kostet im günstigsten Fall fast 900 Euro, meist liegen die Preise in Economy aber eher bei rund 1.400 Euro. Ein flexibles Business Class-Ticket schlägt mit über 1.900 Euro zu Buche. Viel Geld für einen Flug von der Dauer einer Reise von Mitteleuropa auf die Kanarischen Inseln.

Aber Air Greenland ist eine der ungewöhnlichsten Airlines der Welt, die in extrem schwierigen Terrain operiert, wo etwa umschlagendes Wetter, aufkommender Nebel oder Sturm, das Fliegen binnen kurzem unmöglich machen kann. "Imaqaa Airways" - "Vielleicht Air" - war daher lange ein in Grönland für die nationale Fluggesellschaft gebräuchlicher Spitzname.

"Das ist lange her, heute versuchen wir proaktiv zu sein und mit den Passagieren im Falle von Verspätungen besser zu kommunizieren", sagt der CEO. Der Vorteil an Kangerlussuaq ist, dass es durch seine Lage im Inland, fernab der rauhen Küste, ein meist stabiles Wetter hat. Sonst wäre der Flugbetrieb mit einer A330 als einzigem Jet in der Flotte auch kaum aufrecht zu erhalten, und der ist extrem auf Kante gestrickt.

Air Greenland Business Class
Air Greenland Business Class, © Andreas Spaeth

Air Greenland bedient die Strecke Kangerlussuaq-Kopenhagen teilweise zweimal täglich mit ihrem einzigen Jet, außerdem fliegt sie im Winter Charterflüge von Kopenhagen auf die Kanaren. Und diesen Dauereinsatz sieht man dem Flugzeug an, außen wie innen.

Die Bemalung der A330-200 dürfte die auffälligste überhaupt sein, knallrot, in Grönland eine wichtige Signalfarbe etwa im Schneesturm. Aber schon auf den Tragflächen zeigen sich schwarze Schlieren, ob Schmutz oder Hydrauliköl, ist nicht klar. Und die Kabine hat klar bessere Zeiten gesehen. Damals, 1998, als Sabena werksneu die A330 aus Toulouse erhielt. Bis heute hat sich im Interior nicht viel verändert, so scheint es.

Air Greenland Business Class IFE
Air Greenland Business Class IFE, © Andreas Spaeth

"Wir sind absolut der Meinung dass die Kabine nicht mehr frisch aussieht", gibt CEO Michael Højgaard zu. "Wir wollten schon im letzten Jahr das Flugzeug gegen eine neuere A330 austauschen, aber dann begannen hier Diskussionen über mögliche Verlängerungen der Bahnen in Nuuk und Ilulissat, die dann kleineres Gerät erforderlich machen würden. Wir behalten also erstmal die A330 und halten sie flugbereit, aber investieren nicht allzu viel in sie, bis wir mehr Klarheit haben."

Flug GL782 ist an diesem Freitag mittag fast ausgebucht, der einzig verbliebene Sitz in Business Class ist für 300 Euro Aufpreis auf das gebuchte Economy Ticket am Schalter zu erwerben. Eine Lounge für Business-Gäste gibt es in Kangerlussuaq nicht, das Boarding verläuft zu Fuß über das Vorfeld, wenige Meter bis zur Gangway.

Mein Platz heute ist 7G, in der Mitte der vorletzten von fünf Reihen in 2-2-2-Konfiguration der vorderen Kabine. Sabena hatte in ihren letzten Jahren mit 60 Zoll (152cm) Sitzabstand in Business gepunktet, noch vor der Ära der Lieflat-Sitze. Air Greenland hat das auf 54 Zoll (137cm) reduziert, kein Problem bei einem Tagflug von weniger als viereinhalb Stunden. Aber generell scheint sich an den Sitzen seit 18 Jahren nichts verändert zu habe.

Auch das Bordunterhaltungssystem mit ausklappbaren, individuellen Bildschirmen am Platz, atmet den Geist der Neunziger, noch bevor "On Demand" eingeführt wurde. Hier werden die zwei Filme nur im festen Rhythmus abgespielt und die bereits abgelaufene Zeit angezeigt. Diese Systeme aus der Anfangszeit des IFE hat man heutzutage fast vergessen.

Air Greenland Business Class IFE
Air Greenland Business Class IFE, © Andreas Spaeth

Meine Fußstütze lässt sich nur schief ausfahren, eine Aufhängung ist lose oder gebrochen. Soweit sollte es eine Airline nicht kommen lassen. Dafür ist der Service bestens: Vor dem Start werden Getränke gereicht, Sekt oder Orangensaft, außerdem Zeitungen, zum Glück für mich als vermutlich einzigem Nicht-Dänen hier vorn auch die International New York Times.

Der Start erfolgt pünktlich, und einer der Höhepunkte des Fluges folgt bald danach: Die Kabinencrew teilt seltsame fellbespannte, viereckige Boxen aus. Ich stutze, habe keine Idee was das sein könnte. Das Fell ist Seehundsfell, sehr verbreitet in Grönland, und dann merke ich, dass dies ein Einband ist, in dem sich die Menükarte befindet. Sehr originell!

Air Greenland Business Class Menu
Air Greenland Business Class Menu, © Andreas Spaeth

Mit sehr wenig Aufwand wirklich Eindruck zu erzeugen und Bezug zum Herkunftsland zu schaffen gelingt Air Greenland damit auf geniale Weise. Etwas gedämpft wird meine Begeisterung beim Blick auf das Speisenangebot: Es gibt keine Auswahl, nur ein Menü für alle, und zwar geräucherte Hühnerbrust, und ich bin kein Freund der Produkte aus Geflügel-Massentierhaltung.

Seltsamerweise wird alles auf einmal gereicht auf dem Tablett, die Vorspeise und das Hauptgericht. Erstere ist warmgeräucherter Pfeffer-Lachs mit Cous Cous-Salat und Dillmayonnaise, alles ohne viel Eigengeschmack. Am Hauptgericht gefallen mir Jasminreis, Zuckerschoten, glasierte Zwiebeln und Paprikasauce noch ganz gut. Käse wird in kleinen Portionen verpackt, aus dem Brotkorb gereicht. Dazu ordentliche Weine, einer weiß, einer rot.

Air Greenland Business Class Catering
Air Greenland Business Class Catering, © Andreas Spaeth

Alles in Ordnung, aber nach dem Wow-Effekt der Menükarte ist dies nicht mehr als Essen, um satt zu werden. Und ich frage mich, weil nichts auf der Karte steht: Kein Dessert?

Doch schon kommt der Flugbegleiter mit dem Wagen und teilt an jeden ein kleines, dunkles Schokoladentörtchen aus. Das hat es in sich - und ist so hart zu knacken wie Panzerstahl. Meine Sitznachbarn probieren es mit Gabel, mit Löffel, keine Chance. Man muss es in die Hand nehmen und herzhaft hineinbeißen, dabei offenbart sich, dass der Schokopanzer rund einen Zentimeter dick ist. Und absolut köstlich, nur etwas schwer zu essen.

Air Greenland Business Class Catering
Air Greenland Business Class Catering, © Andreas Spaeth

Spätestens jetzt ist man pappsatt und braucht einen Cognac, der auch umgehend gebracht wird, überhaupt genehmigen sich fast alle Passagiere einen Schnaps, das ist man wohl in der Kälte Grönlands so gewohnt. Kaum ein kleines Nickerchen später ist schon die Runway am Flughafen Kastrup in Kopenhagen in Sicht zur pünktlichen Landung.

Die wahre Herausforderung nach einen angenehmen Flug kommt leider erst noch: Bis zur Ankunft des Gepäcks auf dem Band vergehen nach der Landung eine Stunde und 20 Minuten, ohne Erklärung und absolut inakzeptabel.

Bewertung

Air Greenland hat ein Monopol auf der Strecke zwischen Kopenhagen und Grönland und kann sich daher leisten, hohe Preise für ein nicht völlig zufriedenstellendes Produkt zu verlangen. Erscheinungsbild und Funktionsfähigkeit der Kabine sollte die Airline dringend verbessern. Ansonsten sind alle Voraussetzungen für ein gutes Produkterlebnis gegeben.

Flugreport


Airline: Air Greenland
Flugzeugtyp: Airbus A330-200
Kennzeichen: OY-GRN
Kabine: Business Class
Datum: 18. April 2016
Route: Kangerlussuaq-Kopenhagen
Flug: GL782

Andreas Spaeth


Andreas Spaeth fliegt. Viel. Auf PaxEx.de schreibt Spaeth, einer der führenden Luftfahrtjournalisten in Europa, über seine Erlebnisse als Passagier rund um den Globus.

Auf Twitter ist der Autor als @SpaethFlies unterwegs.
© Andreas Spaeth | Abb.: Andreas Spaeth | 27.05.2016 09:31


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