Flug mit der Bombardier CS100
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Kompakt von draußen, Großraum-Komfort drinnen

ZÜRICH - Es stand viel auf dem Spiel. Es kommt nicht oft vor, dass gleich eine ganze Gruppe von CEOs einiger der wichtigsten Airlines der Welt in ein und demselben Flugzeug reist.

Und anders als in anderen Branchen, wo das Top-Management nie gemeinsam in die Luft geht, zeigt die Airline-Industrie lieber ihr vollstes Vertrauen in ein Flugzeug, das noch gar nicht im kommerziellen Einsatz steht. Dies war die Ausgangslage für Flug BBA 505 von Dublin nach Zürich am 3. Juni.

Bombardier CS100
Bombardier CS100, © Andreas Spaeth

Weil Swiss der Launch Customer für den lange verzögerten kanadischen Zweistrahler ist, der zum ersten Mal Airbus und Boeing in ihrem Brot-und-Butter-Markt der 120-160-Sitzer herausfordert, war dies die perfekte Gelegenheit für Bombardier.

Die Chefs der Airlines hatten sich in der irischen Hauptstadt zur jährlichen Jahresversammlung ihres Verbandes IATA getroffen, gefolgt von einem Treffen des Chief Executive Boards aller Gesellschaften der Star Alliance in der Schweiz.

Swiss feierte damit ihre zehnjährige Mitgliedschaft in der Star Alliance, außerdem wird sie die Weltpremiere dieses ersten vollständig neuen Passagierjets dieser Kategorie seit Jahrzehnten am 15. Juli begehen.

Während Airbus-Verkaufschef John Leahy die CSerie nur Tage zuvor als "das niedliche kleine Flugzeug" abqualifiziert hat, nennt Bombardier diesen Sonderflug zu Recht "den wichtigsten Start in der Geschichte der CSerie".

Bombardier CS100
Bombardier CS100, © Andreas Spaeth

Auch nach der jüngsten Mega-Order durch Delta Air Lines muss Bombardier dringlich Vertrauen in sein neues Produkt aufbauen, um mehr Abnehmer zu finden. Es liegt also an zwei europäischen Airlines, Fluggäste mit dem neuen Jet vertraut zu machen - mit Air Baltic als erstem Betreiber der größeren Version CS-300, ab dem Spätsommer von ihrem Hub in Riga aus.

Der Flug jetzt wurde vom fünften Testflugzeug von insgesamt fünf durchgeführt, intern FTV5 genannt, Kennzeichen C-GWXZ, das bereits vor einem Jahr an den Flugvorführungen der Pariser Luftfahrtschau teilgenommen hatte.

Mit 118 Sitzen in einer Einheitsbestuhlung ausgestattet, verfügt diese Maschine noch nicht über das Kabinenprodukt, mit dem Swiss ab Juli ihre Kunden befördert. Das wird aus 125 Sitzen des deutschen Herstellers ZIM bestehen. Was auffällt ist die Diskrepanz zwischen dem recht kompakten Aussehen des Flugzeugs von draußen, es erscheint fast wie ein Regionaljet, und seinem großzügigen Interieur im Stile eines Großraumflugzeugs.

Es bietet ein einmaliges 2-3 Sitzlayout je Reihe, anders als Embraers 2-2- Konfiguration oder die Auslegung bei Airbus und Boeing, jeweils mit 3-3-Bestuhlung. Die Kabinenbreite der CSerie misst 3,28 Meter, während eine A320 mit einem weiteren Sitz auf 3,70 Meter kommt. Daraus resultieren Sitze mit einer Breite von 47cm und sogar 48cm für die Mittelsitze, während ein Sitz in der A320 üblicherweise 43-46cm misst.

Bombardier CS100
Bombardier CS100, © Andreas Spaeth

Die Business Class in der CSerie ist in 2-2-Anordnung vorgesehen, mit 51cm breiten Sitzen. Mit ihrer Kabinenhöhe im Gang von 2,11 Meter und sehr geräumigen Handgepäckfächern ist es kein Wunder, dass sich die Kabine der CSerie anfühlt wie in einem Großraumflugzeug. Der Platz in den Fächern reicht aus, dass jeder Passagier einen Rollenkoffer mit an Bord bringen und verstauen kann.

Leiser als Airbus A320neo


Das Anlassen und Hochfahren der beiden Pratt & Whitney Geared Turbofan "Pure Power"-Triebwerke zeigt bereits, wie extrem wenig Lärm die Triebwerke entwickeln. Sogar beim Start sind sie nur wenig lauter als die unschlagbar leise A380 mit ihren dicken Isolierschichten in den Kabinenwänden.

BBA 505 Take off in Dublin, © Andreas Spaeth

"Es ist hier in der Kabine 2dB leiser als in unserer neuen A320neo", sagt Lufthansa-Chef Carsten Spohr an Bord der CSerie. Mit etwa 100 Passagieren auf diesem Sonderflug weist das Flugzeug die bisher höchste Auslastung auf, viele Reihen sind voll besetzt. Sogar im hinteren Teil der Kabine fühlen sich die Sitze geräumiger an als an gleicher Stelle in der Lufthansa A320neo, wo nur 74cm (29 Zoll) Sitzabstand herrschen.

Bombardier wirbt damit, dass 120 Sitze im Standard-Einklassen-Layout 81cm (32 Zoll) Abstand bieten. Swiss wird in der CS-100 insgesamt 125 Sitze mit jeweils 76cm (30 Zoll) Fußraum einbauen.

Der Start ist sehr steil, Flugkapitän Esteban Arias zieht die Maschine schnell hoch und zeigt dabei ihre Kraftreserven, selbst auf einem ziemlich vollen Flug heute. Später erklärt er PaxEx.de im Cockpit, dass genau diese Reserven es der C-Serie ermöglichen, von Flughäfen mit kurzen Bahnen wie London City zu starten.

Große Fenster, breiter Gang

An diesem sonnigen Nachmittag ist es offensichtlich, wie viel Licht durch die großen Fenster in die Kabine einfällt. Sie sind volle 50 Prozent größer als in der A320, die aus der Mitte der 1980er Jahre stammt, wie Bombardier an Bord mittels eines Aufklebers deutlich zeigt. Der Gang ist der breiteste in einem Zweistrahler und misst 51cm (20 Zoll).

Bombardier CS100
Bombardier CS100, © Andreas Spaeth

Nachdem Flug BBA 505 die Reiseflughöhe erreicht hat, erklärt Rob Dewar, Bombardiers Programmchef für die CSerie, dass das Flugzeug 3.300 nautische Meilen, fast 6.000 Kilometer Reichweite hat. "Das wäre genug, um nonstop von Dublin nach Montréal zu fliegen, und das ist auch wohin wir heute fliegen", scherzt er.

Dann erklärt er, dass die tatsächliche Reise nach Zürich in einer Stunde und 50 Minuten Flugzeit weniger als 2.900 Kilogramm Treibstoff verbrauche, "das sind etwa 35 Prozent weniger als ein Zweistrahler von Airbus oder Boeing brauchen würde."

Nach einem üppigen Mahl mit drei warmen Hauptgerichten zur Auswahl auf diesem Sonderflug, mit dem die Flugbegleiterinnen ihre Mühe haben alle Passagiere rechtzeitig zu bedienen, leitet die Maschine viel zu rasch den Sinkflug auf Zürich ein.

BBA 505 Landing in Zurich, © Andreas Spaeth

Der erste Flug der CSerie mit Nicht-Werksangehörigen von Bombardier, mit Ausnahme eines Vorführflugs zu Delta nach Atlanta mit einigen Mitgliedern von deren Management, scheint ein großer Erfolg zu sein. Gleich am nächsten Tag kündigt Swiss an, dass sie ihre Orders und Optionen dahingehend ändert, dass sie jetzt bis 2018 insgesamt 20 größere CS-300 mit 145 Sitzen betreiben wird, von denen die erste Anfang 2017 erwartet wird, und zehn kleinere CS-100.

Quantensprung beim Komfort

Dieses Jahr wird die Gesellschaft bereits neun CS-100 erhalten, mit elf weiteren beider Versionen im kommenden Jahr und dem Rest dann 2018.

Eine Sache ist sicher - Swiss-Passagiere auf der Route Zürich-Paris und anderen Europa-Strecken, auf denen bisher der altgediente Avro-Jet unterwegs ist, erwartet ein Quantensprung beim Komfort im ersten von Grund auf neuen Jet dieser Größe, den die Welt in vielen Jahren gesehen hat. Tatsächlich ein "niedliches" Flugzeug, allerdings gar nicht klein - sobald man es von innen erlebt hat.

Andreas Spaeth


Andreas Spaeth fliegt. Viel. Auf PaxEx.de schreibt Spaeth, einer der führenden Luftfahrtjournalisten in Europa, über seine Erlebnisse als Passagier rund um den Globus.

Auf Twitter ist der Autor als @SpaethFlies unterwegs.

© Andreas Spaeth | Abb.: Andreas Spaeth | 06.06.2016 13:19


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