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Langstreckenkomfort auf Kurzstrecke: Mit Air Serbia nach Berlin

BELGRAD - Das ehemalige Jugoslawien spielte eine lange und stolze Rolle in der Luftfahrt. Einen Eindruck davon vermittelt das noch 1989 eröffnete Luftfahrtmuseum an der Einfahrt zum Flughafen Belgrad Nikola Tesla, eines der größten Europas.

Hier stehen in Jugoslawien konstruierte Militärflugzeuge und in Lizenz gebaute Sikorsky-Hubschrauber. Aber es gibt auch vielfältige Erinnerungen an die einst stolze Airline JAT, gegründet 1927, eine der ältesten Fluggesellschaften der Welt. Eine JAT-Caravelle parkt direkt vor dem eigenwilligen Glas-Pavillon des Museums.

Flugreport
Airline
Air Serbia
Flugzeugtyp
Airbus A319
Kennzeichen
YU-APD
Kabine
Business Class
Datum
05. Oktober 2016
Route
Belgrad - Berlin
Flug
YU354
Ein Stopp hier lohnt sich, wenn vor Abflug noch Zeit ist. Nach dem Zerbrechen Jugoslawiens und dem Krieg Ende der 1990er Jahre blieb Jat Airways 2003 als nationale Airline von Serbien und Montenegro. Es folgten zehn Jahre Siechtum, die Gesellschaft galt als klinisch tot.

Dann kam als weißer Ritter 2013 Etihad und übernahm 49 Prozent der Anteile. Seit dem 26. Oktober 2013 fliegt die Airline unter dem neuen Namen Air Serbia.

Quasi über Nacht wurde eine neue Firma erfunden, ausgestattet mit neuen Flugzeugen und neuem Erscheinungsbild. Das Logo des stilisierten doppelköpfigen Adlers, dem serbischen Staatswappen entlehnt, fand der neue Airline-Chef im Internet, das Werk einer 25jährigen Grafik-Design-Studentin.

Air Serbia Airbus A319 Business Class
Air Serbia Airbus A319, © Andreas Spaeth

Das Konzept für Bordprodukt und Uniformen steuerten Experten von Etihad aus Abu Dhabi bei, innerhalb von nur sechs Wochen stand der Auftritt. Und heute, drei Jahre später, ist Air Serbia eine echte Erfolgsgeschichte. Die Airline ist profitabel und liefert ein erstklassiges Produkt ab.

Ich nehme den Abendflug um 18.00 Uhr nach Berlin-Tegel, bin gut eine Stunde vorher im überschaubaren Terminal. Dieser Flughafen mit knapp fünf Millionen Passagieren im Jahr ist spürbar modernisiert worden, aber Wege und Wartezeiten selbst jetzt zur Hauptverkehrszeit angenehm kurz.

Die Sicherheitskontrollen in Belgrad sind dezentral, jeweils pro Gate-Paar eine Kontrollschleuse. Daher ist man bereits nach der zügigen Passkontrolle gleich im Duty Free Shop, auch mit einem breitem Angebot hochwertiger serbischer Spezialitäten etwa bei Spirituosen.

Und dann schnell in der Air Serbia-Premium Lounge. Die wurde als sichtbarstes Zeichen des Fortschritts im September 2015 eröffnet und empfing seitdem über 23.000 Gäste. Das Lounge-Konzept zeigt deutlich die Philosophie von Etihad, vom Gebetsraum bis hin zur Bedienung, die auf Bestellung Getränke von der Bar oder Speisen vom Buffet bringt.

Air Serbia-Premium Lounge
Air Serbia-Premium Lounge, © Air Serbia

Leider hat die Lounge keine Fenster, aber das dominierende Weiß gibt ihr trotzdem eine elegante, helle Atmosphäre. Das Buffet bietet am späten Nachmittag Salate, Sandwiches und einige süße Leckereien, die Bar mit Barkeeper ein üppiges Getränke-Angebot.

Das ist beim Lesestoff nicht so weitreichend, zumindest für internationale Gäste. Immerhin macht sich Air Serbia die Mühe, tagesaktuelle Ausdrucke der International New York Times auszulegen, hoch willkommene Lektüre bei Vielfliegern.

Ich werde persönlich gebeten, 25 Minuten vor Abflug zu meinem relativ weit entfernten Gate zu gehen, da ja noch die Sicherheitskontrolle ansteht. Die passiere ich zügig, der Flug nach Berlin ist ziemlich voll, beinahe ausgebucht. In Business Class allerdings bin ich der einzige Passagier.

Air Serbia Airbus A319 Business Class
Air Serbia Airbus A319 Business Class, © Andreas Spaeth

Die vordere Kabine besteht aus acht breiten, grauen Ledersitzen in 2-2-Anordnung, wie man sie auf Europa-Flügen sonst nirgends sieht. Mit 38 Zoll (96,5cm) Abstand bieten sie nicht nur üppigen Fußraum, vor allem in der zweiten Reihe, sondern lassen ihre Rückenlehnen auch generös zurückfahren.

Fast wie eine Zeitreise

Kaum dass ich auf meinem Platz 2A sitze fragt die sehr freundliche Flugbegleiterin in ihrer modischen Uniform, was ich vor dem Start trinken möchte, ob es vielleicht Champagner sein dürfte. Selbstverständlich. Sie entkorkt daraufhin nur für mich eine 0,375-Liter-Mumm Cordon Rouge und schenkt daraus am Platz ein. Sehr stilvoll.

Fast wie eine Zeitreise zurück in die gute alte Zeit, als Premium-Service wirklich noch Premium war, auch auf kurzen Flügen.

Air Serbia Airbus A319 Business Class
Air Serbia Airbus A319 Business Class, © Andreas Spaeth

Und ich komme aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Ein Sitz hier vorn kostet One Way nach Berlin mit 543 Euro (Beispiel für November 2016) gut das Doppelte eines Economy-Tickets (203 Euro auf dem gleichen Flug). Aber dafür gibt es Annehmlichkeiten, die sonst heute nur auf Langstrecken bei guten Airlines zu finden sind. Und dieser Flug nach Berlin dauert gerade anderthalb Stunden.

Es gibt ein gedrucktes Menü, mit zwei warmen Hauptgerichten zur Auswahl, und eine extrem beeindruckende Bandbreite an alkoholischen Getränken: Champagner, zwei Biere, vier verschiedene serbische Weine vom Weingut Podrum Radovanoviç, Bourbon, Scotch, Wodka und Gin sowie fünf Sorten an weltberühmten serbischen Obstbränden, hier hat sich Air Serbia mit der beliebten Rakia Bar in Belgrad zusammengetan.

Air Serbia Airbus A319 Business Class
Air Serbia Airbus A319 Business Class, © Andreas Spaeth

Und als wenn das noch nicht genug wäre - geboten wird auch (kostenpflichtiger) Internetzugang von Panasonic, plus "Elevate Play", das (kostenfreie) Bordunterhaltungsprogramm. Es ist über Streaming auf dem eigenen Endgerät zu empfangen, dazu muss man vorher allerdings die entsprechende App herunterladen.

Dann gibt es über 20 (ältere) Kinofilme, TV-Programme plus Dutzende von aktuellen Audio-CDs. Ich verzichte auf diesem kurzen Flug darauf. Das erstaunliche ist, das bis auf wenige Ausnahmen (New York, neu mit der einzigen A330, plus Abu Dhabi mit A319 oder A320) kein Air Serbia-Flug planmäßig länger als zwei Stunden dauert. Da ist diese Angebotsfülle ein wenig überwältigend. Und es fällt nicht so sehr ins Gewicht, dass die an Bord in Business gebotene Zeitungsauswahl heute Abend ausschließlich serbische Gazetten umfasst.

Um 17.53 Uhr werden die Türen geschlossen, Air Serbia nimmt Pünktlichkeit augenscheinlich ernst. Um 18.06 Uhr bereits heben wir ab. Kurz darauf bringt mir die Flugbegleiterin ein neues Glas Champagner - und gewärmte Nüsse auf einem Porzellanteller! Selbst auf Langstrecken speisen einen heute viele Airlines wie Lufthansa auch in Business Class mit Nüssen in Plastiktütchen ab.

Air Serbia Airbus A319 Business Class
Air Serbia Airbus A319 Business Class, © Andreas Spaeth

Ich bitte darum, mit dem Essen noch etwas zu warten, kein Problem. Allerdings sind die beiden heute unterbeschäftigten Damen vorn in der Galley extrem dienstbereit, fragen gefühlt alle 5 Minuten nach einem neuen Wunsch, das macht es als einziger Gast ein wenig anstrengend. Schließlich bitte ich um mein Essen, und das kommt im Nu.

Ich habe mich für das Pfeffersteak entschieden, die Alternative wäre Fisch gewesen, Seebrasse in Kapernsauce. Vorab gibt es einen griechischen Salat, das Steak ist lecker, die Beilagen (Karotten und Kartoffeln) allerdings schmecken nach nichts. Dazu trinke ich einen sehr guten 2014er Chardonnay Classique, probiere auf das Insistieren meiner Flugbegleiterin auch noch einen Roten, den Cabernet Sauvignon von 2013, ebenfalls hervorragend.

Air Serbia Airbus A319 Business Class
Air Serbia Airbus A319 Business Class, © Andreas Spaeth

Ich gelobe, das nächste Mal auch den serbischen Weingebieten einen Besuch abzustatten. "Was wir hier machen ist für Serbien zu werben", erklärt die Flugbegleiterin lächelnd. Das kann man wohl sagen.

Nun will ich mein Dessert angehen, ein ausgesprochen leckeres Stück Kirsch-Käsekuchen. Dazu wird mir natürlich Schnaps angeboten, ich habe die Wahl zwischen Pflaume, Quitte, Aprikose, Williamsbirne und Pflaumenbrand mit Honig. Ihr Favorit sei Quitte, sagt die Flugbegleiterin, den müsse ich probieren, wobei natürlich jener, den ihr Vater zu Hause destilliere, noch viel besser sei, davon könnte sie mir das nächste Mal eine Probe mitbringen. Das sagt sie wirklich, und es wirkt sehr sympathisch.

Ich präferiere Aprikose, sie insistiert auf Quitte, also einigen wir uns auf einen Kompromiss: Je ein halbes Gläschen von beidem. Serviert wird in sehr stilvollen, modernen Gläsern der Rakia Bar. Beide Brände sind erwartbar superb. Jedes weitere Angebot, noch mehr zu probieren, lehne ich aber ab, schließlich will ich in Tegel nicht volltrunken von der Gangway purzeln, sondern muss noch weiterreisen. Zum Glück nicht am Steuer, sondern per Bahn.

Air Serbia Airbus A319 Business Class
Air Serbia Airbus A319 Business Class, © Andreas Spaeth

Nach einer Stunde und 29 Minuten landen wir überpünktlich in Tegel und ich bin froh, dass ich noch ohne zu schwanken die Treppe herunterkomme.

Bewertung

Air Serbia setzt Maßstäbe, was in Business Class auch auf Kurzstrecken möglich ist. Ich kenne weder nirgendwo auf der Welt etwas Vergleichbares. Man spürt, wie hungrig Air Serbia ist, sich und ihr Land auf der Weltbühne zu präsentieren, und das gelingt ihr überzeugend.

Hoffentlich kann sie dieses Niveau halten. Oman Air hat auch mal als "Boutique"-Airline beeindruckend angefangen, doch davon ist heute nur ein Teil übrig geblieben.

Andreas Spaeth


Andreas Spaeth fliegt. Viel. Auf PaxEx.de schreibt Spaeth, einer der führenden Luftfahrtjournalisten in Europa, über seine Erlebnisse als Passagier rund um den Globus.

Auf Twitter ist der Autor als @SpaethFlies unterwegs.
© Andreas Spaeth | Abb.: Andreas Spaeth, Air Serbia | 21.10.2016 14:40


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