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Air Canadas neue Business Class von Frankfurt nach Toronto

FRANKFURT - Selbst für Vielflieger ist es nicht einfach, Schritt zu halten mit den verschiedenen Flugzeugtypen und Kabinenprodukten, die Air Canada auf Langstrecken offeriert. In Frankfurt waren im Sommerflugplan 2016 fünf Flugzeugtypen auf vier Routen im Einsatz:

Die Boeing-Typen 767-300, 777-200LR und 777-300ER, Boeing 787-9 und Airbus A330-300. Im Winterflugplan verschwinden die Boeing 767-300 und die 787-8 kommt für die 787-9. Welcher Flugzeugtyp auf welcher Route mit was für einem Produkt fliegt ist vor allem in Business Class eine Wissenschaft für sich.

Flugreport Air Canada
Airline
Air Canada
Flugzeug
Boeing 777-200LR
Kabine
Business Class
Datum
22. Oktober 2016
Route
Frankfurt - Toronto
Flug
AC873
Allerdings hat Air Canada hier Beeindruckendes geleistet, denn binnen kurzem hat sie zumindest auf allen nach Europa eingesetzten Boeing 777 das identische "Executive Pod"-Konzept eingeführt, das auch die neue 787 bietet. Andere Airlines brauchen Jahre für solche Umrüstungen.

Dass Welten zwischen altem und neuem Produkt liegen kann erleben, wer mit Air Canada auf der A330 nach Montréal fliegt. Dort sind noch die bisherigen "Classic Pods" an Bord, wo die Füße zum Gang hin zeigen und man selbst am Fenster sitzend akrobatische Verrenkungen vollführen muss, um hinaus schauen zu können.

Air Canada Boeing 777-300ER
Air Canada Boeing 777-300ER, © Andreas Spaeth

Mit so vielen Abflügen unterhält Air Canada in Frankfurt im Terminal B eine eigene, geräumige Business Class-Lounge, die "Maple Leaf Lounge". Das bietet den großen Vorteil, als Business-Gast von Air Canada einen sehr viel exklusiveren Warteraum zu haben als alle anderen Kunden von Star Alliance-Airlines, die die vorhandenen Lufthansa-Lounges mitnutzen.

Denn die wirken schon wegen ihrer Größe und Geschäftigkeit nicht sehr exklusiv. Gerade beim Ambiente mit holzvertäfelten Wänden und gläsernen Kunstwerken unter Stimmungsbeleuchtung macht Air Canadas Lounge wirklich etwas her. Besonders die individuell abgeteilten Ruheräume mit eleganten Liegesesseln sind ein großes Plus.

Air Canada Business Class Lounge Frankfurt
Air Canada Business Class Lounge Frankfurt, © Andreas Spaeth

Das Boarding in Frankfurt für den Morgenflug nach Toronto läuft zügig, wobei keine klare Zugangsregelung für Business Class-Kunden zu erkennen ist. Die als "Priority" gekennzeichnete Position ist bereits geschlossen während das Einsteigen noch läuft. Nach dem Betreten der Kabine durch die vordere linke Tür liegen deutsche und kanadische Zeitungen aus.

Sehr willkommen, wo sonst viele Airlines am liebsten nur noch auf digitalen Lesestoff setzen oder irgendwann vor Abflug ein paar gedruckte Exemplare anbieten. Die neue "Executive Pod"-Bestuhlung in Air Canadas internationaler Business Class ist eine radikale Abkehr vom vorherigen "Classic Pod"-Konzept von 2008 und für Kunden ein wirklicher Quantensprung.

Air Canada Business Class Lounge Frankfurt
Air Canada Business Class Lounge Frankfurt, © Andreas Spaeth

Eingeführt wurden die neuen Sitze, die auf dem Diamond Seat von B/E Aerospace basieren, vor zwei Jahren als die 787 zu Air Canada kam.

Und seitdem wurden sie in den meisten 777 der Airline nachgerüstet, zumindest auf allen nach Europa fliegenden Triple Seven. Und dank des breiteren Rumpfes wirkt die identische 1-2-1-Konfiguration hier noch wesentlich geräumiger als in der 787. Ich sitze auf 7A, dem linken Fensterplatz in der letzten Reihe der vorderen Business-Kabine.

Air Canada Business Class
Air Canada Business Class (Executive Pods), © Andreas Spaeth

Insgesamt bietet die Boeing 777-200LR in Business Class 40 Sitze, mit sieben Reihen in der vorderen und drei in der hinteren Business-Kabine. Die Boeing 777-200LR ist eine Spezialversion der 777 von der nur 56 gebaut wurden, mit extremer Reichweite von fast 16.000 Kilometern. Air Canada hatte acht für Nonstop-Flüge über den Pazifik beschafft, doch davon fliegt sie heute so wenige, dass die Flugzeuge auch auf kurzen Transatlantikrouten fliegen.

An meinem Platz steht bereits eine Wasserflasche, das praktische Fach unter dem Fenster mit dem Kopfhörer, den Strom-Steckdosen sowie der Konsole zur Bedienung des Unterhaltungssystems steht offen. Das gefällt mir sehr, denn bei anderen Sitzen muss man oft etwa die Steckdosen oder Kopfhörer-Buchsen lange suchen.

Air Canada Business Class
Air Canada Business Class (Executive Pods), © Andreas Spaeth

Ein sehr simples Display außen neben dem Klappfach dient der Bedienung des Sitzes, auch das sehr nutzerfreundlich, weil ebenso simpel. Allerdings fehlt mir trotzdem eine gedruckte Bedienungsanleitung für den Sitz, denn die auf der Website angepriesene pneumatische Funktion, mit der sich die Härte von Sitzkissen und Kopfstütze anpassen lassen und die über eine Massagefunktion verfügt, geht völlig an mir vorüber, ich lese erst später davon.

Seltsamerweise befindet sich bei Air Canadas altem "Classic Pod" dagegen eine ausführliche Anleitung des weit weniger komplexen Sitzes in Griffnähe.

Air Canada Business Class (A330)
Air Canada Business Class (Classic Pods in A330 / 767), © Andreas Spaeth

Dank meines Platzes in der letzten Reihe am Fenster befindet sich links vom Sitz noch eine üppige Ablagekonsole. Zusammen mit dem offenen Staufach zum Gang hin, vor der absenkbaren Armlehne, bedeutet das jede Menge Möglichkeiten, Dinge von der Wasserflasche bis zum Laptop oder Arbeitsunterlagen sicher verstaut in der Nähe zu haben.

Der Bildschirm mit 45,7cm Diagonale ist der größte einer nordamerikanischen Airline, wirbt Air Canada. Die interaktive Flugkarte bietet einige schöne Funktionen wie die Anzeige der Cockpit-Instrumente, allerdings kein Zoom-in wie andere moderne Systeme. Schmerzlich vermisst wird, dass Air Canada bisher auf keinem Langstreckenflugzeug WLAN offeriert, sondern nur auf Kurzstrecken über Land. "Bald verfügbar" heißt es, was die Langstreckenflotte betrifft, hier ist Air Canada definitiv spät dran.

Air Canada WiFi
WiFi? Soon available..., © Air Canada WiFi

Flug AC873 dagegen ist an diesem Morgen für Frankfurter Verhältnisse sehr pünktlich, beinahe auf die Minute zur Startzeit 9.20 Uhr dockt die Boeing 777 vom Gate ab, das Abheben erfolgt bereits um 9.38 Uhr. Kurz danach beginne ich am Laptop zu arbeiten. Das Herausfahren des zweiteiligen Tisches unter dem Bildschirm ist eine Herausforderung, es ist nirgends beschrieben wie das geht: Mit einem Griff unten drunter, den man zusammendrücken und daran ziehen muss, und selbst dann hakt der Tisch.

Auf Transatlantikflügen mit morgendlicher Abflugzeit verstört mich immer wieder, wie die Airlines zu einer Zeit, wo ich normalerweise gerade das Frühstück beendet habe, bereits ein üppiges Mittagessen auftischen. Beim United-Flug von Hamburg nach Newark kommt es vor, dass nach dem Start gegen neun schon um 10 Uhr morgens das Steak auf dem Teller liegt.

Welcher Reisende kann dies wirklich wollen, was jeglichem natürlichen Essensrhythmus zuwiderläuft, frage ich mich. Groteskerweise aber lassen fast alle Gäste diese Abfütterung stets über sich ergehen und essen dann, wenn serviert wird. Inzwischen allerdings definiert sich guter Business Class-Service auch über "Dine Anytime", sprich die freie Wahl, wann man Essen möchte.

Manche Airline bieten das noch nicht, bei anderen merkt man, dass die Besatzungen es nur widerwillig tun, da es natürlich mehr Arbeit bedeutet. Dazu gehört auch meine Air Canada-Crew, obwohl das Menü klar eine "Flexible Option" bietet. Zunächst macht ein zuvorkommender Purser die Runde und fragt nach Essenswünschen.

Air Canada Business Class
Air Canada Business Class, © Andreas Spaeth

Ich kann nur meinen Vordermann sehen, der auch um späteres Servieren bittet. Ich tue dies auch, der Purser sagt: "Kein Problem, dann behelligen wir Sie nicht mehr bis Sie Ihr Essen wünschen, es dauert dann eine halbe Stunde bis es serviert wird." Wir hatten einen Deal. Das wird allerdings intern wohl nicht kommuniziert. Denn natürlich serviert die Crew um 10.30 Uhr "Lunch", und ich werde zweimal von verschiedenen Flugbegleitern gefragt, ob ich jetzt nicht essen möchte.

Im Gegensatz zu anderen Airlines serviert Air Canada weiterhin die Menüs auf Tabletts. Zur Haupt-Servicezeit kommen aber die Gänge nach und nach, dazu wird jeweils frisches Brot gereicht und Getränke nachgeschenkt. Ich mag es nicht, wenn mir als jemand, der später Essen möchte, dann einfach das ganze Tablett mit allem auf einmal hingestellt wird.

Das wirkt fast immer lieblos, zwingt einen das Hauptgericht sofort zu essen, bevor es kalt wird, man hat keine Brot-Auswahl aus dem Korb oder Getränkewahl vom Wagen. Genauso ist es bei Air Canada. Warum es eine halbe Stunde dauert, ein Hauptgericht zu erhitzen weiß ich nicht, jedenfalls komme ich mir abgefüttert vor. Das kriegen andere Airlines besser hin. Und gerade auf einem langen Tagflug hätte man Zeit und Muße, ein ausgiebiges Mahl zu zelebrieren.

"Brotgebäck" und "Barley"

Hier dagegen wird man klar benachteiligt, wenn man sich nach den für den Magen üblichen Essenszeiten statt nach dem für die Besatzung optimalen Zeitpunkt entscheidet. Das hier wäre gut als schnelle Menüoption, mir steht der Sinn nach dem Gegenteil.

Das Essen selbst ist in Ordnung, aber in keiner Weise originell oder besonders. Die Vorspeise (Räucherlachs) wird mir als Spätesser schon mal von vornherein vorenthalten. Ich gehe also sofort zum Hauptgericht über, konnte zwischen Rinderfilet, Asia Hühnchen, Pasta und einem Fischgericht entscheiden. Letzteres, Barramundi mit einer Sauce die als "Bouillabaisse" angepriesen wird (was aber eigentlich ein Eintopf ist), entpuppt sich als exzellente Wahl, der Fisch ist hervorragend.

Air Canada Business Class (© Andreas Spaeth)
Air Canada Business Class (© Andreas Spaeth)
Air Canada Business Class (© Andreas Spaeth)
Air Canada Business Class (© Andreas Spaeth)
Fotoserie: Air Canada Business Class

Schon "Brotgebäck" ist kein existierendes deutsches Wort, "Barley" ebensowenig, das heißt Gerste, in diesem Fall als Risotto zum Fisch. Dessert, außer ein paar Früchten, erhält der Spätesser auch nicht. Ich frage, ob ich noch das in der Karte aufgeführte Eis bestellen kann, und die recht lustlose Flugbegleiterin sagt, ich müsse es noch eine halbe Stunde auftauen lassen, als sie es bringt.

In der Karte steht auf Deutsch "Sahniges Vanilleeis mit belgischer Knusperschokolade und Pistazien." Von all dem ist nichts zu sehen auf dem Teller, stattdessen drei verschiedene Sorten Eis, als steinhart gefrorene Kanonenkugeln. Nach dem Auftauen durchaus wohlschmeckend, aber irgendwie auch uninspiriert, keine Deko, nichts.

An Getränken steht der hervorragende Drappier Champager in Konkurrenz zu zwei Weißweinen (der spanische Verdejo ist gefällig) sowie drei Roten, darunter einem kanadischen. Von frisch an Bord der 777 und 787 bereiteten Espresso und Cappucchino merke ich als Nicht-Kaffeetrinker nichts, es gilt aber als Highlight. Das kann man wiederum vom gänzlich uninspirierten Snack vor der Landung nicht sagen, kaltes Limone-Thymian Hühnchen und Orangenspalten.

Nach dem Essen schlafe ich ein paar Stunden, der zum 2,03 Meter langen und 53cm breiten Bett mutierte Sitz bietet viel Platz im Liegen, auch der Fußraum ist großzügig bemessen, sehr angenehm. Das Unterhaltungsprogramm bietet 150 Filme, viel Dutzendware darunter, 200 TV-Programme und 100 Audioalben. Für Pop gibt es 15, für Rock 18, und es sind viele in Europa weniger bekannte Interpreten darunter.

Nicht schlimm, aber auch nicht beeindruckend. Nach genau acht Stunden und 15 Minuten landen wir fast exakt pünktlich kurz vor 12 Uhr mittags Ortszeit in Toronto.

Bewertung

Air Canada hat mit der neuen Business-Kabine in den Boeing 777 und 787 einen großen Sprung nach vorn gemacht. Die Hardware ist hervorragend. Nur das (noch) fehlende WLAN an Bord ist ein Malus. Bei Mahlzeiten und Serviceabläufen dagegen ist noch Luft nach oben. Aufgrund des weiterhin uneinheitlichen Angebots ab Europa mit altem und neuem Produkt gilt es beim Buchen genau hinzusehen, was wo fliegt. Die Website enthält genaue Angaben dazu.

Andreas Spaeth


Andreas Spaeth fliegt. Viel. Auf PaxEx.de schreibt Spaeth, einer der führenden Luftfahrtjournalisten in Europa, über seine Erlebnisse als Passagier rund um den Globus.

Auf Twitter ist der Autor als @SpaethFlies unterwegs.
© Andreas Spaeth | Abb.: Air Canada | 10.11.2016 12:47


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