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Rekordflug auf der längsten Route der Welt

SINGAPUR - Andreas Spaeth hat sich 14 Jahre nach dem ersten Singapore Airlines-Flug von Singapur nach New York noch einmal auf diese Mammut-Tour begeben. Diesmal jedoch unter völlig neuen Voraussetzungen. Wie fühlt es sich an, im Airbus A350-900ULR 16.608 Kilometer zurückzulegen?

Auf geht’s wieder zum längsten Linienflug der Welt von Singapur nach New York! Ich kann mich gut erinnern wie ich 2004 diese Tortur schon mal mitgemacht habe, denn ja, es war eine. Damals bin ich in der A340-500 in 18 Stunden und elf Minuten von New York nach Singapur geflogen.

Angeblich ist für Passagiere der Unterschied in den neuen A350-Ultra-Langstreckenjets erheblich. Wie hatte doch tatsächlich Betty Wong, bei Singapore Airlines (SIA) für den Bordservice zuständig, versprochen: "Sie werden das Flugzeug glücklich, lächelnd und erfrischt verlassen und die bis zu 19 Stunden nicht fühlen, die es dauerte, ans Ziel zu kommen.“

Singapore Airlines Airbus A350-900ULR
Singapore Airlines Airbus A350-900ULR, © Singapore Airlines

Kann das wahr sein, ein Flugzeug tatsächlich wie eine Wellness-Maschine wirken? Ich habe es genau eine Woche nach dem Erstflug vom 11. Oktober 2018 selbst herausfinden wollen.

Changi Airport Singapur, Donnerstag kurz nach 23 Uhr Ortszeit, Einsteigen am Gate B4 zum längsten Linienflug der Welt. Unser Flugzeug hat heute seinen ersten kommerziellen Einsatz. Obwohl die 9V-SGA als erste ausgeliefert worden war kam anfangs nur die zweite A350-900ULR mit dem Kennzeichen 9V-SGB zum Einsatz.

Seit nach fünf Jahren Pause die Nonstop-Route wieder aufgenommen wurde ist sie die einzige auf der Welt, die über 15.000 Kilometer Distanz am Stück überwindet; je nach gewählter Route können es sogar weit über 16.000 Kilometer Entfernung sein.

Flugreport Singapore Airlines ULR
Airline:
Singapore Airlines
Flugzeugtyp:
Airbus A350-900ULR
Kennzeichen:
9V-SGA
Kabine:
Business Class
Datum:
18. Oktober 2018
Route:
Singapur-New York Newark
Flug:
SQ22
Wie schon früher in der A340-500 sind auch heute in der Kabine der A350-900ULR wieder zwei Klassen am Start – mit jetzt 67 Sitzen in Business Class hat sich deren Zahl kaum verändert, während der heutige Premium Economy-Standard so gestiegen ist, dass gerade 94 Sitze (früher 117) zur Verfügung stehen, in 2-4-2-Anordnung und mit 38 Zoll (96,5cm) Abstand.

Nur insgesamt 161 Sitze in diesen beiden aufgewerteten Klassen bietet der Ultra-Langstreckenjet, möglich wäre das Doppelte.

Besonders wichtig bei Flugzeiten von über 18 Stunden ist die Bordunterhaltung. Auch da ein Quantensprung: 2004 hatte die A340-500 rund 400 verschiedene Audio- und Filmprogramme abrufbar – heute werden zu den bei SIA ohnehin vorhandenen tausend Stunden Content für die Ultralangstrecke noch 200 Stunden extra bereitgestellt. Man müsste mehr als sechzig Mal die Strecke fliegen, um das alles zu sehen.

Auf die normale Economy Class hat man damals wie heute bewusst verzichtet, deren Enge wäre für 18 Stunden schwer zumutbar. In dieser Nacht wird auf Flug SQ22 hinten im Flugzeug aber nicht einmal die Hälfte aller 94 Sitze in Premium Economy Class besetzt sein.

Die besten sind übrigens die je drei Einzelsitze am Fenster in den Reihen 40 bis 42, jeweils die Sitze A und K. Sie haben alle unter dem Fenster noch eine feste Box, in der Dinge verstaut werden können und die eine hervorragende Ablage bieten.

Die Business Class vorn ist dagegen voll, das Kabinenprodukt entspricht nahezu vollständig dem, was auch alle anderen A350 von SIA an Bord haben. Will sagen: Es liegt zwischen dem alten A380-Produkt (derzeit noch auf der Frankfurt-Strecke) und den neuen A380-Sitzen (derzeit schon auf der Zürich-Strecke).

Singapore Airlines Airbus A350-900ULR
Singapore Airlines Airbus A350-900ULR , © Andreas Spaeth

In Business Class ist das Problem fast aller SIA-Sitze der sehr knapp bemessene Fußraum, jedenfalls für große Menschen wie mich, und der Zwang, bei ausgefahrenem Bett diagonal zu schlafen. Daher versuche ich mir immer Sitze hinter einer Kabinen-Frontwand zu sichern.

Die in der Mitte bieten den vollen Fußraum und man kann sich gerade ausstrecken. Am Fenster gibt es hinter der Wand ein bisschen weniger Fußraum als in der Mitte, aber immer noch mehr als anderswo.

Die besten Sitze für Einzelreisende sind 10A und 11K, jeweils ganz vorn in der Kabine, hier ist der Fußraum am größten, bei 19A und 19K am Anfang der zweiten Kabine gibt es etwas weniger Platz zum Ausstrecken, mit einer extra Aussparung ganz außen.

Ich sitze auf 19A und bin zufrieden mit meinem Sitz für diesen langen Flug. Fenster hat für mich immer Priorität. Das gilt gerade auf diesem Flug – obwohl hier nur etwa fünf Stunden Tageslicht herrschen werden.

Trotzdem: Ich will der Herr über meinen Lichteinfall und die Aussicht sein, kann nicht verstehen dass hier wie auf fast allen Langstrecken viele Passagiere grundsätzlich ihre Fensterblenden geschlossen halten und lieber bis zu 18 Stunden im Dunklen sitzen oder liegen.

Genau um 23.51 Uhr Lokalzeit hebt SQ22 schwer beladen mit insgesamt fast 280 Tonnen Startgewicht auf dem Changi Airport ab. Es könnte ein Rekordflug werden: "Geplante Flugzeit sind genau 17 Stunden“ hatte der Kapitän zuvor durchgesagt, viel schneller als üblich, die Blockzeit beträgt 18:25.

Singapore Airlines Airbus A350-900ULR
Singapore Airlines Airbus A350-900ULR , © Andreas Spaeth

Auf dem Bildschirm am Sitz erscheint die Flugroute – von Südostasien über China und Russland fast direkt zum Nordpol, an Grönland vorbei nach New York. Das wäre die direkteste sogenannte Großkreisroute, sie misst 15.345 Kilometer.

Aber Flug SQ22 nimmt einen anderen Weg: Die Nordpazifikroute, die Japan links liegen lässt, dann an Kamtschatka vorbei und über Alaska verläuft, bevor sie Nordamerika zur US-Ostküste überquert, rund 16.500 Kilometer weit.

Hier verschafft der kräftige Jetstream, ein Starkwindband, dem Flug stellenweise bis zu 200km/h Rückenwind, die Geschwindigkeit über Grund beträgt dann über 1.100km/h.

Aber auch 17 Stunden können endlos sein. Wie verbringt man die als Passagier am besten? Die meisten Experten raten dazu, eher am Anfang und am Ende des Fluges zu schlafen, zumindest wenn man nach Ankunft in New York am frühen Morgen fit sein will.

Die Mahlzeiten, mitentwickelt von einer amerikanischen Wellnessfirma, sollen helfen Struktur in den Flug bringen. Eine Grafik im ausgeteilten Menüheft versucht die Abläufe zu beschreiben: Zwischen einer und drei Stunden nach dem Start gibt es die erste Mahlzeit, die zweite in der Mitte des Fluges, irgendwann zwischen der achten und 16. Flugstunde.

Gleichzeitig wird darauf verwiesen, dass auf Wunsch auch zu jeder gewünschten Zeit Essen serviert würde. Zwischen der dritten und 16. Flugstunde seien darüber hinaus á la Carte leichte Speisen verfügbar. So weit die Theorie. Die meisten Passagiere fallen erstmal in mehr oder weniger tiefen Schlaf.

90 Minuten nach dem Start, also mitten in der Nacht, kommt das erste leichte Menü, drei Optionen hinten, vier vorn im Flugzeug. In Business besteht die Auswahl aus Fischfilet in Rotwein(!)-Sauce, Rindfleischnudeln, Croque Monsieur oder in Brühe schwimmenden Lobster-Klößchen.

Singapore Airlines Airbus A350-900ULR
Singapore Airlines Airbus A350-900ULR , © Andreas Spaeth

Ich entscheide mich für letztere und finde sie lecker. Dazu mein neues Lieblingsgetränk: Agaven-Limonade mit Zitronensaft und Ingwer. Lecker, sauer, würzig, erfrischend – und extra für diesen Flug entwickelt. Könnte ich literweise trinken, seit ich bereits vor dem Start erstmals davon gekostet habe.

Alkohol beschränke ich bei diesem Flug auf ein absolutes Minimum – insgesamt ein Glas Champagner und ein Mini-Fläschchen japanischen Sake.

Anders als auf dem Erstflug eine Woche zuvor geht heute das Bord-Wifi tadellos und schnell. Business-Gäste bekommen 30MB gratis, das ist sehr wenig Datenmenge und meist in Minuten verbraucht.

Ich darf heute 200MB nutzen, soviel wie sonst First-Gäste bekommen – und das reicht tatsächlich, um immer mal wieder zu posten unterwegs oder E-mails zu checken, ich verbrauche es nicht einmal ganz bis New York.

Ich schlafe nun ein paar Stunden, den A350-Sitz fährt man selbst ganz aus, im Gegensatz zur A380 wo er physisch umgeklappt werden muss. Die hier vor der Wand gebotene Liegefläche ist wesentlich größer als auf den anderen Plätzen.

Singapore Airlines Airbus A350-900ULR
Singapore Airlines Airbus A350-900ULR , © Andreas Spaeth

Leider hält SIA auch auf diesem Flug keine Pyjamas bereit, ich habe vorgesorgt und eine Pyjama-Hose von einem anderen Flug dabei und trage dazu ein T-Shirt, perfekt für den langen Flug. Üblicherweise gibt es bei SIA in Business Class keinen "Kulturbeutel“, was ich nie ganz verstanden habe.

Als zweieinhalb Stunden nach dem Start fast alle schlafen teilen die Flugbegleiter hier aber plötzlich für jeden einen schwarzen Kunstleder-Beutel aus.

Der Inhalt mutet etwas willkürlich an: Neben Nützlichem sind die voluminösesten Dinge eine fleckentfernende Seife und ein Spray, das Falten aus der Kleidung entfernt. Braucht irgendwie niemand hier und jetzt, finde ich.

Als ich wieder aufwache ist Japan nach siebeneinhalb Stunden Flug bereits passiert, draußen ist Tag, wobei in der Kabine konstant Dunkelheit herrscht. Es fühlt sich nach Frühstückszeit an, aber ein Frühstücksmenü gibt es nicht. Doch ein Knuspermüsli mit Beeren und Joghurt vom Snackmenü erfüllt den Zweck bestens.

Neun Stunden nach dem Start wird die Kabine in sanft orangefarbenes Stimmungslicht getaucht und der Service für die Hauptmahlzeit beginnt mit den berühmten Satay-Spießen, ein Markenzeichen von SIA.

Allerdings tut sich die Kabinenbesatzung mit ihren Abläufen in dieser langen Nacht ungewohnt schwer. Die Ausführung von Bestellungen dauert oft unangemessen lange und Menüoptionen aus der Speisekarte sind angeblich nicht verfügbar oder es wird nicht klar kommuniziert was da ist und was nicht.

Sonst glänzt SIA meist mit makellosem Service, hier aber ist definitiv noch Luft nach oben. Ein Vielflieger aus Jakarta macht deswegen seinem Unmut gegenüber dem Purser zu Recht Luft. Passagiere, die wie angeboten später Essen bestellen, berichten ebenfalls von sehr stockendem Service und fehlenden Optionen.

Singapore Airlines Airbus A350-900ULR
Singapore Airlines Airbus A350-900ULR , © Andreas Spaeth

Doch bis selbst beim regulären Essenservice nach den Spießen die Vorspeise (Salat mit Krebsfleisch, keine Auswahl) kommt, dauert es fast eine weitere Stunde.

Der Airbus ist bereits über den Aleuten und bis zum Hauptgericht gibt es einen schnellen Sonnenuntergang über Alaska zu bewundern für alle, die es wagen, kurz ihre Fensterblende zu öffnen.

Bei den Hauptspeisen gibt es sechs Optionen: Rinderbäckchen, Schweineschulter, Chicken Rice, Eiernudeln mit Meeresfrüchten (meine Wahl, solide), Omelette oder Dim Sum. Der Mango-Käsekuchen zum Dessert schmeckt langweilig, aber die Pralinen danach reißen es raus. Noch sechs Stunden bis New York, und nochmal Zeit zum Schlafen.

Schon jetzt ist klar: Nie war Ultralangstreckenfliegen so angenehm wie in einem Airbus A350. Der geringere Kabinendruck und die wesentlich frischere Kabinenluft in diesem neuen Flugzeug bedeuten einen Quantensprung beim Wohlbefinden auf einem extrem langen Flug.

Die 17 Stunden Flugzeit sind noch nicht erreicht, als links die erleuchtete Silhouette von Manhattan auftaucht. Zur unchristlichen Morgenstunde von 4.41 Uhr Ostküstenzeit setzt SQ22 nach einer Distanz von heute genau 16.608 Kilometern am frühen Freitag in Newark auf, eine Stunde und 19 Minuten zu früh.

Der Rekord ist da: In nur 16 Stunden und 50 Minuten hat es noch kein Linienflug zuvor von der Südspitze Asiens zu den Wolkenkratzern New Yorks geschafft. Und so leer ist es bei der Einreise in Newark sonst nie – spätestens jetzt haben einige Passagiere tatsächlich das von Betty Wong versprochene Lächeln auf den Lippen.

Bewertung

Die gegenüber früheren Flugzeugen stark verbesserte Kabinenatmosphäre in der A350 macht selbst einen 17- oder 18-Stunden-Flug gut erträglich, dank geringerer Kabinenhöhe und besserer Kabinenluft. Erstaunlich wie die sonst so perfekte SIA auf dem Testflug mit Serviceproblemen zu kämpfen hatte. Wenn die überwunden sind ist der längste Flug der Welt eine runde Sache.
© Andreas Spaeth | Abb.: Airbus | 11.11.2018 10:37

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Beitrag vom 13.11.2018 - 11:48 Uhr
Ist auf seiner Homepage sogar als Referenz angeben im Video.

Danke - Herrlich!!! :D
Beitrag vom 12.11.2018 - 12:50 Uhr
Ist auf seiner Homepage sogar als Referenz angeben im Video.
Beitrag vom 12.11.2018 - 12:01 Uhr
Da hast du recht. In einer österreichischen Talkshow hat er einmal die Theorie zu MH370 geäußert, dass das Bugrad überhitzt sein könnte und Brand ausgelöst hat. Der ebenfalls anwesende Niki-Lauda (der ja tatsächlich Pilot ist) dann dann korrigierend eingegriffen und drauf hingewiesen, dass am Bug keine Bremsen oder ähnliches sein würden, welche dies auslösen. Seine Reaktion ist etwas entlarvend.


:D das wusste ich ja noch gar nicht, stimmt das? Gibt es da einen Link zu einer Aufzeichnung o.ä.? Das wäre ja mal eine neu Messlatte für eine Luftfahrtexpertise.


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